Wollt ihr das totale Bild?

Via Smartphone produzieren und konsumieren Menschen heute Bilder in nie gekanntem Ausmaß und mit immer höherer Geschwindigkeit. Schnell ein Foto mit dem Smartphone machen und gleich über Instagram, Facebook und Twitter teilen oder via Whatsapp den Freunden schicken. Gerade Plattformen wie Pinterest und Youtube machen deutlich, welch immensen Stellenwert Bilder – und Videos als bewegte Form des Bildes – im Web besitzen. Aber auch in den anderen sozialen Netzwerken sind Fotos und Videos die Inhalte, die am häufigsten geteilt werden und Meme verbreiten sich via 4chan wie Lauffeuer über den ganzen Erdball.

Das Diktat der Interessanz

Die Ursachen hierfür sieht Sascha Lobo in den beiden grundlegenden Kriterien, nach denen die Sozialen Medien funtionieren: Einfachheit und „Interessanz“. Entgegen den traditionellen Medien zählt in den sozialen Netzwerken nicht mehr dieRelevanz eines Themas (Wie wichtig ist diese Meldung?). Die Frage lautet vielmehr: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle (teile/empfehle)? Dabei wird deutlich: Nichts ist so einfach zu erfassen und gleichzeitig so interessant wie ein Bild.

Die Welt der Bilder

Susan Sontag untersuchte bereits in ihrem 1978 erschienen Essay „Die Bilderwelt“ das Phänomen der massenhaften Produktion und Konsumption von Bildern. Es lohnt sich, einen Blick auf Ihre Erkenntnisse zu werfen und ihre Relevanz bezüglich der heutigen Situation zu prüfen. 

Bereits im 19. Jahrhundert, so Sontag, stellte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach fest, dass unsere Epoche das Bild dem Ding vorziehe, die Kopie dem Original. Im 20. Jahrhundert sei diese Klage zu der allgemein anerkannten Diagnose gereift, dass eine  Gesellschaft „modern“ werde, „wenn eine ihrer Hauptaktivitäten das Produzieren und Konsumieren von Bildern ist“. Sonntag versucht nun in der Folge das Wesen und den Charakter von Bildern zu ergründen und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft zu analysieren.

Fotografieren als Besitzergreifung

In primitiven Gesellschaften fand und findet bis heute keine Unterscheidung zwischen dem Bild und dem realen Gegenstand statt. Beide sind unterschiedliche Manifestationen ein und derselben Energie. Dadurch ist es zum Beispiel im Voodoo möglich, einem Menschen zu schaden, indem man eine Puppe, also ein Abbild dieses Menschen, malträtiert. Der Prozess des Bildermachens ist somit ein magischer Vorgang: man stellt ein Surrogat des realen Gegenstandes, der realen Person her. Gleichzeitig ergreift man Besitz von diesem Gegenstand oder dieser Person. In einigen Stämmen Afrikas ist noch heute die Vorstellung verbreitet, dass eine Fotografie dem Fotografierten die Seele raubt. Dieses Besitzergreifen ist für Sontag ein ganz wesentlicher Aspekt auch der modernen Produktion und Konsumption von Fotografien. Es ist die Logik des Kapitalismus, die dem Bildermachen und Bilderschauen innewohnt.

Fotografie und Wirklichkeit

Die Bevorzugung des Bildes vor dem Realen hat – so Sontag – ihre Ursache in der Aufweichung und Dekonstruktion des Wirklichkeitsbegriffs, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Diese Komplexifizierung der Wirklichkeit schafft ein Bedürfnis nach Vereinfachung, das am leichtesten durch das Bildermachen gestillt werden kann. In unserem immer komplexeren, entmaterialisierten digitalen Alltag wächst auch das Bedürfnis nach bildhafter Vereinfachung, jedoch: „Unser niederdrückendes Gefühl der Flüchtigkeit aller Dinge hat sich nur noch verstärkt, seit uns die Kamera die Möglichkeit gegeben hat, den flüchtigen Augenblick zu „Fixieren“.“

Überwachung und Selbstüberwachung

Als Sontag ihren Essay schrieb, brachte gerade die neue Videotechnologie eine neue Dimension der Bildherstellung mit sich: „Eine der Auswirkungen der neuesten Kameratechnologie besteht darin, dass noch mehr von dem, was im privaten Bereich mit Hilfe der Kamera entsteht, für narzistische Zwecke verfügbar gemacht wird – das heißt für den Zweck der Selbstüberwachung.“ Dies klingt nahezu prophetisch, hält man sich vor Augen, in welchem Maße solche narzistischen Produkte heute auf Youtube, Youporn und anderen Plattformen (je nach Charakter des Inhalts) für die Öffentlichkeit verfügbar sind. Und während Sontag noch schreibt, dass „der potentielle Einsatz der Video-Technik zur Überwachung des öffentlichen Lebens“ noch von weit größerer Tragweite sei, müssen wir feststellen, dass diese Unterscheidung heute beinahe obsolet geworden ist. Wo Menschen ihr Privatestes freiwillig für jedermann zugänglich machen, sind kaum noch weitere Überwachungsmaßnahmen notwendig.

Eine neue Diktatur

Doch was ist der Grund für diese freiwillige Selbstüberwachung? Sontag schreibt 1978: „Mag sein, dass die Zukunft eine andere Art von Diktatur bringt, deren beherrschende Idee „das Interessante“ ist und in der alle möglichen Bilder, ob klischeehaft oder exzentrisch, wuchern.“ Es scheint als wären wir in dieser Zukunt bereits angekommen. Willkommen also im Social Web – der Diktatur der Interessanz!

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