iPhone 5 und das Verschwinden des Realen

Beim iPhone musste ich schon immer an Stanley Kubrick´s „2001 – A Space Odyssey“ denken. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Science Fiction Klassiker von 1968 ein glatter schwarzer Monolith. Die Ähnlichkeit sprang mir schon beim iPhone 4 ins Auge, doch mit dem iPhone 5 ist diese noch frappierender geworden. Denn wo das iPhone 4/4s noch einen erhabenen Metallrahmen besaß, ist beim iPhone 5 nur noch glatte, schwarze Fläche.

Der Monolith in der Hosentasche

Das Auftauchen des Monolithen vollzieht sich in „2001“ erstmals in grauer Vorzeit. Im ersten Akt „The Dawn of Man“ sieht man eine Gruppe von Frühmenschen in der afrikanischen Savanne. Ihr Alltag bedeutet täglich den Kampf ums nackte Überleben. Eines Tages erwacht die Sippe neben einem schwarzen Monolithen, der über Nacht plötzlich mitten in ihrem Lager steht. Zaghaft und ängstlich berühren diese frühen Menschen die glatte Oberfläche des Monolithen. Es ist nicht klar, was der Monolith zu bedeuten hat und wozu er dient, doch er bewirkt eine Bewusstseinsveränderung bei den Menschen.

Wenig später kommt einer der Menschen beim Anblick eines ausgebleichten Knochens auf die Idee, diesen als Werkzeug – oder auch als Waffe – zu benutzen. Dies ist der Anfang von technologischer Entwicklung und Innovation, aber auch von Krieg und Zerstörung. Der Mensch lebt fortan nicht mehr in der Natur, sondern von der Natur. Das Auftauchen des Monolithen markiert eine radikale Veränderung im Bewusstsein des Menschen und damit im Verhältnis zu seiner Umwelt.

Was hat das nun mit dem iPhone in unserer Hosentasche zu tun? Die Frage muss lauten: Welche Bewusstseinsveränderung markiert das Erscheinen des iPhones?

Apfel vom Baum der Erkenntnis

Das iPhone, als das prototypische Smartphone, hat unser Leben in entscheidender Weise verändert. Mit seinem erstmaligen Auftauchen 2007 setzte der Prozess ein, den wir heute als Augmented Reality kennen: die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle. Vorher sprach man von Virtual Reality und sah bereits darin die Gefahr des Realitätsverlusts. Doch die Virtual Reality war an den Computer gekettet. Auf der Straße gab es keine Virtualität. Das Smartphone hat das Virtuelle hingegen von diesen Fesseln befreit und damit dessen Allgegenwart ermöglicht. Wir berühren die glatte Oberfläche des Monolithen und es vollzieht sich eine Veränderung in unserem Verhälnis zur Welt. Wir leben nicht mehr in der Welt, wir lesen nur noch von ihr.

Jahrtausende später bei Kubrick: Die hoch technologisierte Menschheit hat in der bemannten Raumfahrt ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Auf dem Mond entdeckt ein Forscherteam einen schwarzen Monolithen, der Signale zum Jupiter sendet. Auf der anschließenden Expedition zum Jupiter gerät die Technik außer Kontrolle: der Supercompuer HAL 9000, der mit allmächtiger Fürsorge alle Funktionen des Space Shuttles steuert, beginnt ein unberechenbares Eigenleben zu entwickeln und tötet schließlich beinahe alle Besatzungsmitglieder.

Der Leichnam des Realen

Auch wir begeben uns heute immer mehr in die allmächtige Fürsorge der Supercomputer, die mittels mobiler Devices immer weitreichendere Lebensbereiche für uns steuern. Die Frage ist: Wollen uns die Smartphones töten?

Davon ist nicht auszugehen. Dennoch birgt die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle große Gefahren. Es sei hier zum wiederholten Male der französische Philosoph Jean Baudrillard zitiert. Ich habe diese Thematik bereits ausführlich in meinem Artikel „Google Project Glass und das perfekte Verbrechen“ behandelt.

Baudrillard schreibt: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“ Niemand wird hier getötet, auch die Realität ist nicht tot (Baudrillard bezieht sich hier auf Nietzsches Zitat: „Gott ist tot.“). Nein: sie ist einfach verschwunden. Darin liegt für Baudrillard das perfekte Verbrechen.

Technologie des Verschwindens

In einem frühen Testbericht über das iPhone 5 auf http://thenextweb.com bemerkt der Autor Matthew Panzarino sehr treffend: „The iPhone is closer than ever to disappearing.“ Das iPhone 5 verschwindet beinahe, aber nicht, berichtigt Panzarino, im Sinne des Aussterbens, sondern im Sinne des Nicht-auffallen-wollens. Es wurde alles getan, um es so weit wie möglich aus unserer Wahrnehmung auszublenden. Das neue iPhone ist leichter, dünner und visuell noch reduzierter, sodass es kaum noch wahrnehmbar ist und mit unserer Handfläche förmlich verschmilzt.

Die Geräte verschwinden, und mit ihnen verschwindet mehr und mehr die Grenze zwischen dem Realen und dem Virtuellen. Je transparenter das Interface, desto schwerer wird es sein, Realität und Virtualität voneinander zu trennen. Doch was bleibt, wenn das Reale nicht mehr auffindbar ist?

Das Leben als Text

Der französische Philosoph Jaques Derrida entwickelte bereits in den 1960er Jahren seine sprachphilosophische Methode der Dekonstruktion, mit der er jedes Phänomen, jeden potentiellen Bedeutungsträger – letztlich das ganze Leben – als Text betrachtete und untersuchte:

„Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere.“

So absurd dies seinen Zeitgenossen vor fünfzig Jahren erschienen sein mag, so präzise scheint Derrida mit seinen Annahmen die heutige Wirklichkeit zu beschreiben. Wenn das Reale verschwindet, ins Virtuelle abgleitet, so ist alles virtuell. Das Virtuelle aber ist nichts anderes als ein Text: der Hypertext. Durch die massive Verbreitung von Smartphones und seiner damit einhergehenden Allgegenwart ist das Virtuelle im wörtlichen Sinne der Hypertext – der “Übertext” – unseres Lebens geworden, der sich über die reale Welt legt.

Wenn also das Reale – wie Baudrillard schreibt – verschwindet, so bleibt nur dieser Text zurück. Fortan bleibt uns nur, zu lesen.

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