Sascha Lobo und das mobile Aleph

Die Veranstalter der MainIT leisteten sich dieses Jahr Sascha Lobo als Headliner für ihre kleine Hausmesse. Skeptisch aufgrund des zweifelhaften Rufes desselben einerseits und der recht biederen Anmutung des Veranstaltungsplakats andererseits, machte ich mich gestern doch auf, den deutschen Web-Papst in Augenschein zu nehmen und mich im schlimmsten Falle ein bischen bespaßen und bepöbeln zu lassen, wie ich es schon bei Lobos früheren Vorträgen via Podcast gesehen hatte.

Hier schon mal eine Bewertung vorweg: Lobo ist bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. Als Dampfplauderer verschrien, überzeugte er mich durch genaue Beobachtungen von Einzelphänomenen, die er durch intelligente Thesen in einen größeren Zusammenhang brachte. Sein Vortrag war nicht die reine Selbstdarstellung und Eigenvermarktung, die ihm gerne vorgeworfen wird, stattdessen lieferte er haarscharfe Analysen, die den Themenkomplex aus der Perspektive des Kulturwissenschaftlers beleuchteten. Rhetorisch mit allen Wassern gewaschen nahm er durch hier und da eingestreutes Understatement (“Ich kenn mich da ja viel schlechter aus als viele andere Leute”) jede Kritik vorweg – was natürliche eine gute Masche ist.

Lobo präsentierte sich also in gewohnter Redegewandtheit und Unterhaltsamkeit, kam nach einer einleitenden Anekdote bezüglich seiner Anreise (Taxi Halle-Würzburg = 450€) aber schnell zum Punkt: „Wie das Netz die Welt verändert – vom Kontrollverlust bis zur Digitalen Gesellschaft“, so der recht populistische Titel seiner Keynote. Was dann folgte war aber weit mehr als ein bischen Palaver über Digital Natives und Leben in der Cloud und Facebook und Twitter und Google+. Vielmehr analysierte Lobo die Prinzipien, nach denen soziale Netzwerke funktionieren, was sicherlich nichts absolut Neues zu Tage förderte, aber gewisse Dinge aus dem kommunikations- und kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet noch einmal exakt auf den Punkt brachte.

So stellte er zunächst die “Einfachheit” als absolutes Erfolgskriterium im Web heraus, was sich am prominentesten an den Produkten von Apple und Google nachvollziehen lässt. Was nun im Web 2.0 hinzu kommt – und das unterscheidet es von allen anderen Medien – das ist die (von Lobo so getaufte) “Interessanz”. Während in den alten Medien Relevanz das absolute Kriterium darstellt ( was also auf die Titelseite kommt), das wird bei Google & Co abgelöst von der Interessanz, also dem, was den Usern interessant erscheint. Die Kombination von Beidem, “Einfachheit” und “Interessanz”, bildet ergo das absolute Erfolgskriterium für das Social Web: die “Weitererzählbarkeit”. Die entscheidende Frage lautet also: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle? Denn nicht mehr “Clicks”, sondern “Likes” sind die neue Währung im Web, nichts anderes also als eine Empfehlung, die ja schon immer die beste Werbung war.

Dann wendet sich Sascha Lobo der Frage zu, wie das Web tatsächlich “unser Leben verändert”. Zahlen, wie die durchschnittliche monatliche Anzahl der SMS eines weiblichen amerikanischen Teenagers (4050) verdeutlichen, wie sehr die digitale Kommunikation unseren Alltag verändert. Er spricht hier (ausnahmsweise) von den “Digital Natives”, die zu jeder Zeit und an jedem Ort alle ihre Freunde in der Tasche dabei haben – in Form ihres Smartphones. Was sie somit außerdem immer verfügbar haben ist eine “digitale Schicht”, so Lobo, die man jederzeit über die reale Welt legen kann.
Das meint natürlich zunächst, dass ich jederzeit alle Informationen aus dem Netz abrufen kann, im Prinzip also die ganze Welt in der Tasche habe. Er zieht hier den überraschenden, wie beeindruckenden Vergleich zu einer phantastischen Erzählung des argentinischen Autors Jorge Louis Borges (1899-1986, Begründer des Magischen Realismus): “Das Aleph”. In dieser Geschichte geht es um einen Punkt im Keller eines alten Hauses, in dem jeder Ort des Universums enthalten ist. Das Smartphone, so Lobo ist also nichts anderes als ein “mobiles Aleph”.

Dann zeigt er Beispiele von Apps, die das Thema Augmented Reality auf eine neue Stufe heben. Lifestreams, in denen per Texterkennung und Übersetzungsprogramm Schriftzüge in Echtzeit retuschiert werden. Lifestreams, aus denen in Echtzeit Gegenstände und Personen retuschiert werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Realität muss hier noch einmal neu gestellt werden. Es zeigt sich hier auch auf drastische und besonders plakative Weise, wie sehr unser Leben vom Digitalen, die Realität von der Virtualität überlagert wird. Diese permanente und exponentiell wachsende digitale Überlagerung der Realität gepaart mit den Bestrebungen der Artificial Intelligence lässt Gedanken (hier bin ich mal ein wenig populistisch) an die Matrix aufkommen. Die realistischere Zukunftsperspektive aber – und hier folge ich Alan N. Shapiro – ist Star Trek: Holodecks und Androiden scheinen mittlerweile mehr “Science” als “Fiction” zu sein.

Bei Lobos Vergleich des Smartphones mit dem “Aleph” kam mir eine andere Erzählung Borges´ in den Sinn. Borges beschäftigte sich in seinen Texten oft mit dem Phänomen der Unendlichkeit, so auch in “Die Bibliothek von Babel”. Es geht darin um eine Bibliothek, die beschrieben wird mit Gängen, Galerien und Treppen. Aber sie hat die Besonderheit, dass sie gleichzeitig das Universum darstellt und somit unendlich ist. Es gibt kein Buch, das sich zweimal findet, aber es gibt Kommentare zu den Büchern und Kommentare zu den Kommentaren. Die Welt – ein einziger Text. Eine unendliche Datenmenge. Die Analogie ist verblüffend: Facebook, Twitter, Google+. Das Internet.

In der Fußnote auf der letzten Seite heißt es: “Letizia Álvarez de Toledo hat angemerkt, daß die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (Cavalieri sagte zu Anfang des 17. Jahrhunderts, daß jeder feste Körper die Überlagerung einer unendlichen Zahl von Flächen ist.) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite.”

Das Buch mit den unendlich vielen, unendlich dünnen Seiten: unser Smartphone/Tablet mit unendlich vielen Wesites? Das Blatt in der Mitte ohne Rückseite: unser Display?

Im Anhang lese ich die Anmerkungen: “(…) zu den genannten Eigenschaften, die in der Fußnote aufgezählt werden, kommt noch eine besonders bedrohliche hinzu: Als der Erzähler beim Versuch, den ungeheuerlichen Band loszuwerden, an Feuer denkt, schrickt er zurück, da ja bei der Verbrennung eines aus unendlich vielen Blättern bestehenden Buchs unendliche Mengen von Rauch freiwerden müssen, die den Planeten ersticken würden.”

Ist es möglich, dass die digitale Überlagerung und Durchdringung der Realität ein derartiges Ausmaß annehmen könnte, dass Ihre Zerstörung gleichsam the end of the world as we know it bedeuten würde?
Anders gesagt: Schrecken wir vor der Zerstörung all unserer Geräte/Internetzugänge zurück, weil dies gleichzeitig das Ende unserer digitalen Identität, unseres virtuellen Lebens bedeuten würde?

Die Antwort überlasse ich jedem selbst.

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