Hyperrealität des SuperGAU

Es ist sehr interessant, die gegenwärtigen Ereignisse in Japan und deren Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit im Hinblick auf die Theorie Baudrillards von Simulation und Hyperrealität zu untersuchen. Hier zeigt sich besonders deutlich die ganz reale Macht der Zeichen.

Quelle: de.euronews.net

Baudrillard beschäftigt sich mit der Zeichenhaftigkeit von Dingen und Ereignissen. Er behauptet, dass der Zeichencharakter der Dinge ihr eigentlicher Inhalt geworden ist. So ist beispielsweise „Sushi“ in seiner grundsätzlichen Funktion als kulinarisches Erlebnis heute in der westlichen Gesellschaft überlagert von seiner Nebenfunktion als Zeichen für Urbanität und Hipness. „Sushi“ ist also vorrangig ein Zeichen, ja mehr noch eine Simulation von Urbanität, wenn es etwa in einem Kleinstadtlokal konsumiert wird.

Darüber hinaus werden durch die Simulation Zeichen geschaffen, die realer sind (oder erscheinen) als die Realität selbst – sie sind „hperreal“. Dies wird umso offensichtlicher, wenn man die modernen Medien untersucht, in denen permanent Zeichen geschaffen werden, die uns bald realer vorkommen als unser wirkliches Leben. Was ist also realer: die Fernsehnachrichten, die von einer Hungerkatastrophe in Afrika berichten (Simulation von Hunger), oder das Regal mit Fertiggerichten im Supermarkt, welches selbst als Simulation von Nahrung gesehen werden kann?

Quelle: elhabib.at

So ist auch Fukushima – ebenso wie damals Tschernobyl – von Anfang an Zeichen gewesen. Die beiden Ereignisse verschmelzen in den Medien zu einem Superzeichen, hinter dem das eigentliche Ereignis und die tatsächliche Tragödie zurücktritt. Aktuelle Meldungen aus Japan mischen sich mit Dokumentationen über Tschernobyl, sodass die Vergangenheit die Zukunft schon vorwegnimmt und es zu einer Kernschmelze der Zeiten kommt. „Tschernoshima“ ist zum hyperrealen Zeichen geworden für die unberechenbare atomare Bedrohung, welches die deutsche Regierung zu einem beispiellosen Umschwenken in der Energiepolitik bewog.

Quelle: reyl.de

Der Macht dieses Zeichens haben die Befürworter der Atomkraft nichts entgegenzusetzen. Erschreckend ist dabei nur, dass die Realität vorher keine andere war als jetzt auch. Die Gefahren der Atomenergie sind seit Jahrzehnten bekannt, Störfälle sind seit Harrisburg immer wieder und, wie in Tschernobyl, mit katastrophalen Folgen geschehen. An den Fakten also hat sich nichts geändert.

Quelle: nzz.ch

Was sich geändert hat, ist, dass die Simulation von Sicherheit in Form von Unwahrscheinlichkeiten („Einmal in einer Million Jahre“) zerstört wurde durch Tschernoshima – dieses hyperreale Superzeichen, das realer in unseren Köpfen sitzt als der ganz reale SuperGAU, die Kernschmelze, die ja doch offensichtlich stattfindet. Messwerte, die uns mitteilen, dass die Strahlung an den Reaktoren mittlerweile ca „zehn Millionen Mal höher als der Normalwert“ ist (Sueddeutsche Zeitung, 27.03.2011), sprengen unsere Vorstellungskraft und verabschieden sich in die Sphäre des Mystischen. Computeranimationen, die uns die technischen Details vermitteln sollen, erinnern in ihrer Anmutung an Zeichentrickfilme und kommen damit dem Reich der Fiktion bedenklich nahe. Die Bilder der havarierten Reaktorblöcke scheinen letztlich einem Science Fiction Film entnommen zu sein. Die reale Katastrophe entzieht sich der Realität und macht der Hyperrealität des Superzeichens platz.

Quelle: de.toonpool.com

Diese Hyperrealität ist es, die unsere Rezeption und Diskussion hier in Deutschland bestimmt. Nicht die reale Bedrohung bringt die Regierung zum Kurswechsel, oder die Demonstranten auf die Straße, sondern das übermächtige Zeichen, dem sich niemand widersetzen kann. Kurz gesagt: Veränderungsdruck wird nicht durch reale Ereignisse erzeugt – sondern durch hyperreale Zeichen.

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