Die Faulheit als die tatsächliche Wahrheit des Users

Schwarzer Quader auf schwarzem Grund

Kürzlich ist mir wieder ein Text in die Hände gefallen, mit dem ich mich vor einigen Jahren im Rahmen meiner Diplomarbeit auseinandergesetzt hatte. Ich beschäftigte mich damals mit den theoretischen Grundlagen der modernen Arbeitsgesellschaft und recherchierte nach ideologischen Gegenmodellen in Geschichte und Gegenwart. Dabei stieß ich auf einen Text des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch (1879-1935). Sein bekanntestes Werk ist sicherlich das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“(1915), mit dem Malewitsch den Suprematismus begründete und die damalige Kunstwelt auf den Kopf stellte. Der Aufsatz trägt den Titel „Die Faulheit als die tatsächliche Wahrheit der Menschheit“ (1921).

Darin beschreibt Malewitsch seine Idee vom Sozialismus. Seine Kernthese: Die Arbeit ist nur ein Instrument zum Erreichen des tatsächlichen Idealzustands des Menschen – und dieser Zustand ist das Nichtstun. Ausführlich erläutert er, dass der Müßiggang der Urzustand des Menschen ist, den dieser auch wieder zu erreichen sucht. Mehr noch: Alles im Universum strebt letztlich dem Zustand der Ruhe entgegen. Die Faulheit, so die These, ist eine kosmische Wahrheit.

Malewitsch war begeisterter Kommunist und als solcher davon überzeugt, dass der technologische Fortschritt die Menschheit von ihren Leiden erlösen würde. Daraus leitet er seine Vision einer Zukunft ab, in der die Maschinen dem Menschen mehr und mehr die Arbeit abnehmen, und der Mensch so seiner „tatsächlichen Wahrheit“, dem kosmischen Zustand des Nichtstuns, immer näher kommt.

Darin war Malewitsch natürlich alles andere als konform mit der marxistisch-leninistischen Lehre, die die Arbeit ebenso zum Ideal erhebt, wie das die protestantische Arbeitsethik getan hatte, die damit die Grundlagen des modernen Kapitalismus schuf. Doch Malewitsch befindet sich dabei in guter Gesellschaft unter anderem mit Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, der mit seinem Traktat „Das Recht auf Faulheit“ (1883) für hitzige Debatten am Familientisch gesorgt haben dürfte.

Sieht man sich vor diesem Hintergrund Malewitsch´ „Schwarzes Quadrat“ und andere Arbeiten aus der Kernphase seines suprematistischen Schaffens an, so erkennt man die zentrale Stellung dieser Idee für sein Werk, nach der alles im Universum dem Zustand der Ruhe entgegenstrebt. Durch die maximale Reduktion optischer Reize in Farbe und Form wird im Schwarzen Quadrat (und mehr noch im „Weißen Quadrat auf weißem Grund“) ein Zustand der Ruhe und der Stille erzielt.

1922 verfasst Malewitsch eine Abhandlung mit dem Titel “Suprematismus — Die gegenstandslose Welt oder das befreite Nichts”, in der er die theoretische Basis seines künstlerischen Schaffens noch einmal breit ausführt. Es geht Malewitsch um eine Abkehr von gegenständlichen Darstellungsformen, hin zu einer reinen Form, die für ihn reine „Empfindung“ (vielleicht auch „reinen Gedanken“?) bedeutet.

Mit Sicherheit war das nicht Malewitsch´ Intention, und womöglich würde er sich im Grabe herumdrehen, aber ich wage die Behauptung, dass sich in Malewitsch´ Auffassung von visueller Gestaltung einerseits und in seinen Überlegungen zum menschlichen Wesen andererseits, bereits skizzenhaft die Prinzipien von Ergonomie und Usability erkennen lassen. Denn der Gedanke, es dem Menschen so einfach und angenehm wie möglich zu machen, ist das ureigenste Prinzip der Usability. Und die Reduktion der gestalterischen Mittel im Sinne des reinen Gedankens in der reinen Form ist heute die grundlegende Methode in allen Gestaltungsdisziplinen.

Im Produktdesign hat die Grundmaxime der Usability bereits ein lange Tradition. Ob es nun um Schalensitze, Bohrmaschinen oder Pürierstäbe geht: das Prinzip der Einfachheit und der optimalen Handhabbarkeit – und somit die Anpassung der zu gestaltenden Produkte und Maschinen an den menschlichen Bewegungsapparat – steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt von Produktgestaltung und Industriedesign.

Die vergleichsweise junge Disziplin des User Interface Design nimmt seine Anfänge mit der Entwicklung der ersten „Graphical User Interfaces“ (GUI) Mitte der Achziger Jahre. Seitdem gibt es eine Alternative zur Kontrollzeile, eine graphische Oberfläche, die die Kommunikation zwischen Computerarbeiter und Computer erleichtert. Und damit nimmt das Prinzip der Ergonomie, oder Usability, auch Einzug in die visuelle Gestaltung.

Seither beschäftigen sich immer mehr Interface Designer, Konzeptioner und Informationsarchitekten damit, Computerprogramme, Webseiten, Onlineshops,  Smartphones, Navigationsgeräte, Controlpanels für Maschinen – kurz: alles, was auf einem Bildschirm stattfindet – noch einfacher, benutzerfreundlicher, intuitiver zu gestalten.

„Keep it simple“ heißt die Maxime: gerade in den letzten Jahren geht der Trend weg von den großen Anwendungen mit vielen Funktionalitäten (und daher komplex in der Bedienung), hin zu einfachen Apps und Widgets, die ihren Fokus auf nur eine oder wenige Funktionen richten, dadurch aber einfach zu bedienen sind.

Begünstigt wird diese Simplifizierung zusätzlich durch die neuen technischen Möglichkeiten berührungssensitiver Displays: Multitouch. Durch die Einbeziehung von Gesten wird nun eine neue Form der Interaktion möglich, die auch neue Anforderungen an das Interface stellt: das Graphical User Interface (GUI) wird zu einem „Natural User Interface“ (NUI). In diesem Namen steckt bereits wieder die Grundidee der Ergonomie, nämlich die Anpassung – in diesem Falle des Interfaces – an die natürlichen Bedingungen des menschlichen Bewegungsapparates.

Auf Malewitsch zurückgeführt, könnte man also behaupten, dass die Menschheit ihrer tatsächlichen Wahrheit, der Faulheit, im Sinne von Ergonomie und Usability Stück für Stück näher kommt. Die Maschinen übernehmen immer mehr Tätigkeiten, die früher der Mensch verrichten musste. Sie sind immer einfacher und unter immer weniger (oder gar keinem) Kraftaufwand zu bedienen. Und durch die Vereinfachung der Interfaces wird auch die kognitive Anstrengung des Menschen immer weiter reduziert.

Interessant ist auch, dass sowohl die Geräte, als auch die Interfaces immer gegenstandsloser werden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist hier natürlich wieder einmal Apples iPhone 4. Bei den Interfaces werden vor allem im Netz die Layouts immer cleaner, und Buttons – vor wenigen Jahren noch durch Glas-Optik und andere Effekte dreidimensionalisiert und vergegenständlicht – sind nur noch plane Farbflächen. Das „befreite Nichts“, die gegenstandslose Welt, die Malewitsch 1922 beschwor, ist in einem gewissen Maße – zumindest in der digitalen Welt – durchaus Realität geworden. Die reine Form gibt dem reinen Gedanken – der Funktion – Ausdruck.

Begreifen wir Malewitsch´ künstlerisches Werk als grafische Umsetzung eines userzentierten Theorems, so haben wir in seinen suprematistischen Arbeiten vielleicht die Prototypen für das Natural User Interface von morgen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kasimir_Sewerinowitsch_Malewitsch

http://de.wikipedia.org/wiki/Suprematismus

http://www.dissense.de/nt/malevich.html

http://www.kunstinfrankfurt.de/MalewitschLayout.html

http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm