Google Project Glass und das perfekte Verbrechen

Die Aufregung um Googles „Cyberbrille“, wie sie populärerweise genannt wird, hat sich für´s erste wieder gelegt. Aber die Brille mit integrierter Kamera und Display, die dem Träger ständige Zusatzinformationen zum aktuell Gesehenen zeigt, bleibt ein heißes Thema. Es wird sogar bereits an „Cyber-Kontaktlinsen“ geforscht. Hier scheint Augmented Reality, die „erweiterte Realität“, also tatsächlich die Kinderschuhe abzustreifen und unabhängig von lästigen QR Codes und anderen Prothesen ihr eigenes Leben zu beginnen. Was da passiert, ist die nächste Stufe, Web X.0, or whatever. Social Media, Mobile Marketing oder ortsbezogene Webanwendungen wie Foursquare et al, sehen daneben aus wie aus dem letzten Jahrtausend.

Wir sind in der Zukunft angekommen. Science Fiction ist das, was heute passiert. Denn wenn Google es mit dieser Brille tatsächlich schafft, alle heute verfügbaren Webdienste zu kombinieren mit einer Software, die auf eine uferlose Bilddatenbank zurückgreifen kann, um jederzeit orts- und objektbezogene Informationen abzurufen und gleichzeitig die multimediale Kommunikation zu steuern, dann verändert das grundlegend die Art, wie wir die Welt wahrnehmen.

Die Welt mit neuen Augen sehen

Vor kurzem habe ich einen alten Freund besucht. Sein Lebenskonzept hat so gut wie nichts mit der digitalen Welt zu tun. Er ist gerade dabei, einen Hof aufzuziehen, um dort ein Stück Land ökologisch zu bewirtschaften und selbstversorgermäßig zu leben.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass das digitale Leben, die Art zu kommunizieren und Daten zu produzieren und zu verarbeiten, ihm Angst macht. Denn die Art, wie wir kommunizieren, wird natürlich massiv verändert durch die Digitalisierung der Kommunikation, ergo Social Media. Und gleichzeitig ist es eben die Wahrnehmung der Welt, die sich extrem wandelt.

Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen schon jetzt den überwiegenden Teil ihrer Wach-Zeit vor verschiedenen Displays verbringen. Dass sich dadurch die Wahrnehmnung und das Bewusstsein verändert, ist nur folgerichtig. Wenn – oft bemühtes Beispiel – Stadtkinder Tiere und Pflanzen nur noch von Bildschirmen kennen, dann ist das eine massive Einschränkung. Es ist offensichtlich, dass zur menschlichen Wahrnehmung nicht nur visuelle, sondern auch audielle, olfaktorische und haptische Reize beitragen. Darüber hinaus aber ist der Körper als Ganzes ein Organ der Wahrnehmung. Wenn ich durch eine Sommerwiese renne, oder in einen Gebirgssee springe, dann ist das eine körperliche Erfahrung. Und eben diese originären Erfahrungen zu machen, genau das ist es, was im digitalen Leben unmöglich ist.

Nun kann man die Google Brille unter diesem Gesichtspunkt als eine positive Entwicklung deuten, indem nämlich der Computer-Mensch von den Ketten der Bildschirme und Geräte befreit und wieder in die Lage versetzt wird, echte Erfahrungen zu machen, sein Wahrnehmungsspektrum zu erweitern, ohne auf die Vorzüge der digitalen Welt verzichten zu müssen. Es findet eine Verschmelzung der virtuellen mit der realen Welt statt. Allerdings kommt keine Verschmelzung ohne gewisse Verluste aus. Die reale Welt und die Möglichkeit sie zu erfahren, wird durch die virtuelle Überlagerung (hier im wörtlichen Sinne) immer beschnitten werden. Denn die „Cyberbrille“ ist ja letztlich ein semitransparentes Display, durch das wir die Welt betrachten.

Es hat natürlich immer schon Wendepunkte in der Geschichte gegeben, an denen die Wahrnehmung des Menschen einen grundlegenden Wandel erfahren hat. So hat zum Beispiel die Erfindung der Eisenbahn den Blick des Menschen auf seine Umwelt im 19. Jhdt. radikal verändert. Er entwickelte den sogenannten „panoramatischen Blick“. Und LSD hat in den 1960er Jahren nicht nur das Gehirn derer mutiert, die dieser „bewusstseinserweiternden“ Substanz huldigten, sondern darüber hinaus das Weltbild und die Sehgewohnheiten unserer ganzen Gesellschaft mitbeeinflusst. Vielleicht ist es der Wandel der Sehweisen und der Wahrnehmung, der den Kern jedes Generationenkonfiktes bildet.

Man kann hinsichtlich der „Cyberbrille“ also zwei Positionen gegenüberstellen: Schwappt die reale Welt in die virtuelle hinüber, oder überschwemmt die virtuelle Welt die reale nun vollends? Was dabei herauskommt, ist möglicherweise in beiden Fällen das, was Jean Baudrillard als „Das perfekte Verbrechen“ bezeichnet hat: die Vernichtung der Realität.

Die Vernichtung der Realität

Viele werden das für übertrieben halten, und natürlich bedient sich Baudrillard einer sehr polemischen Sprache. Er gehört schließlich zu den Vertretern des französischen Poststrukturalismus und diese sind – wie in den beiden Folgen von Tim Pritloves CRE Podcast zum Thema Poststrukturalismus nachzuhören ist – so etwas wie die Trolle der westlichen Philosophie.

Baudrillard beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Thesen zu Simulation und Hyperrealität. Das hört sich nun ziemlich matrix-mäßig an, doch wenn Baudrillard von der Vernichtung der Realität spricht, so meint er das überhaupt nicht im Sinne der Matrix, denn: „Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt.“

So paradox sich das zunächst liest, so einleuchtend wird Baudrillards These, wenn man sich die Vergleiche mit Information und Kommunikation vor Augen hält. Wenn unsere E-mail-Postfächer täglich mit bis zu 100 Mails (oder mehr?) verstopft werden, während wir gleichzeitig Chats und Foren in sozialen Netztwerken pflegen, über Skype und Twitter kommunizieren und natürlich telefonisch und per SMS erreichbar sind, so kommen wir doch tatsächlich in einen Grenzbereich, in dem das Ende jeder sinnvollen Kommunikation in greifbarer Nähe zu sein scheint. Gleiches gilt für den Overflow an Information, der täglich auf uns einprasselt. Auch hier kommt die Information an einem gewissen Punkt praktisch zum erliegen.

„Rasenden Stillstand“ hat Paul Virilio dieses Phänomen genannt. Und auch Baudrillard geht es um die Beschleunigung, bzw. mehr noch um die Gleichzeitigkeit – die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information: „Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem ,perfektem Verbrechen‘, dessen Opfer die Zeit ist.“

Es ist also die Gleichzeitigkeit aller Orte, aller weltweiten Informationen, die zu einem Übermaß an Realität führt, was letztlich das Verschwinden der Realität zur Folge hat. Angesichts der permanenten virtuellen Überformung der Realiät durch die Google-Brille erscheint das durchaus logisch: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“

Schon vor Jahren hat mir ein Bekannter erzählt, dass er einmal nach tagelangem Pixelschubsen versucht hat, im Supermarkt eine Tomatendose anzuklicken. Und ich selbst wollte beim Besuch eines Basketballspiels schon mal auf „Rewind“ klicken, um mir die letzte Szene nochmal in Zeitlupe anzusehen. Mit der neuen Brille könnte das alles sehr bald Realität werden. Wenn sie bis dahin nicht verschwunden ist, die Realität.

„Wenn wir die Hypothese aufstellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild gibt, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt.“

 

http://www.egs.edu/faculty/jean-baudrillard/articles/das-perfekte-verbrechen/

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard

http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Virilio

http://de.wikipedia.org/wiki/Augmented_Reality

http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Project_Glass