Virtuelle Kriegsführung

Sonntag Abend im ICE. Der Zug ist vollgepackt mit Menschen auf dem Weg nach Hause, zurück zum Ernst des Lebens, möglichst noch rechtzeitig vor dem Tatort, diesem Massenritual, das einem hilft, nach dem Ausnahmezustand des Wochenendes wieder in die Normalität, den Alltag, die Arbeit zurückzufinden. Es liegt eine melancholische Stimmung in diesen Sonntagabenden, erst recht, wenn man sich auf einem Bahnsteig, oder in einem ICE befindet, mit all den anderen, die sich gerade von Ihren Liebsten, von Familie oder Freunden verabschiedet haben. Und unter Ihnen auch überall junge Männer (seltener auch Frauen), die sich in Uniform auf den Weg zurück in die Kaserne begeben, zurück zum Ernst des Lebens, der für deutsche Soldaten seit einigen Jahren auch wieder den Tod bedeuten kann. Und seit der Bundeswehrreform vor einigen Monaten kann man sich auch sicher sein, dass es sich um Berufssoldaten handelt, die bewusst das Risiko selbst zu sterben und/oder andere zu töten in Kauf nehmen – denn die Wehrpflicht gibt es nicht mehr. Es erfüllt mich jedesmal ein seltsam mulmiges Gefühl, wenn ich einen dieser Jungs, kaum älter als 20 Jahre, auf einem Bahnsteig stehen sehe, denn es gelingt mir nicht, mich in ihn hinein zu versetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, was er denkt und fühlt, was ihn zu seiner Entscheidung bewegt. Ich will mich aber auch keinem Pauschalurteil anschließen, das aus einem linken Reflex heraus alle Soldaten zu potentiellen Soziopathen, Rechtsradikalen, und Rambos abstempelt. Dennoch kann ich mir auch nicht vorstellen, dass diese jungen Männer die Verteidigung der humanistischen Werte einer pluralistischen Gesellschaft als Hauptmotivation für Ihre berufliche Entscheidung anführen.

Sonntag Abend im ICE. In die Vierer-Sitzgruppe neben mir setzt sich ein junger Mann in Uniform und holt sein Notebook heraus. Ich bin in meine Zeitung vertieft und interessiere mich nicht weiter für den Neuankömmling. Beim Umblättern streift mein Blick zufällig das benachbarte Display. Ein Spiel. Ein Egoshooter. In der Hand einen Spaten läuft das Alter Ego des Spielers auf eine Frau zu. Es ist nicht zu erkennen, ob die Frau bewaffnet ist. Der Soldat im ICE steuert seine Figur auf die Frau im Computer zu und schlägt ihr mehrmals mit dem Spaten auf den Kopf, bis dieser, begleitet von Blutgespritze, abfällt. Ein Bild des Grauens. Ich starre gebannt weiter auf den Bildschirm, wo mein uniformierter Sitznachbar mit unterschiedlichem Gerät (Spaten, Kalaschnikow, Pumpgun, Pistole) Frauen und Männer, Bewaffnete und Unbewaffnete, massakriert und exekutiert. Nach allen Regeln der Kunst. Gegen jedes Kriegsrecht. Gefangennahme ist nicht vorgesehen. Bereitet er sich also so auf seinen Einsatz in Afghanistan vor? Hilft ihm das Training in der virtuellen Simulation bei der Bewältigung realer Situationen im Häuserkampf? Ich schaudere.

Mir ist klar, dass das keine offizielle Trainingssoftware der Bundeswehr ist. Ich weiß auch, dass die deutschen Soldaten geschult werden, was Kriegsrecht, Staatsbürgerkunde, Demokratie und Rechtstaatlichkeit betrifft. Mir ist auch die Diskussion um Egoshooter präsent, die bei jedem neuen Amoklauf an Schulen in Erfurt, Winnenden und anderswo immer wieder aufflammt, und in der die Gamer immer wieder darauf pochen, dass diese Spiele nicht für den Amoklauf verantwortlich sind, dass die Ursache eine andere ist, dass nicht alle Gamer Psychopathen sind. Und dass es ein wesentlicher Unterschied ist, am Bildschirm eine virtuelle Person zu töten oder in der Realität echte Menschen abzuknallen – und kein psychisch gesunder Mensch dies verwechseln könne.
Wenn aber andererseits in der Debatte um soziale Netzwerke wie Facebook und Co von Seiten der “Digitalen” die Unterscheidung von virtuellen Freunden im Internet und echten Freunden in der “Realität” als völlig absurd zurückgewiesen wird, so stellt sich mir die Frage, wie man noch ernsthaft die Unterscheidung zwischen virtueller Realität und “echter” Realität aufrecht erhalten kann. Mag sein, dass die Szenarien in den Egoshootern für die meisten Gamer absolut nichts mit ihrem realen Leben zu tun haben.
Aber was ist mit jemandem, der jederzeit im ganz realen Leben in eine Situation geraten kann, die der im Spiel simulierten nur zu ähnlich ist? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die tausendfach in der Simulation erlebten Szenen und geübten Verhaltensweisen sich nicht in sein Unterbewusstsein eingefräst haben und sein Verhalten in der realen Situation nicht mit beeinflussen.
Natürlich muss ich mir die Frage stellen, ob es moralisch verträglicher ist, sich am Sonntagabend zum Ausklang des Wochenendes einen Mord anzusehen. Ich sehe da einen klaren Unterschied. Was passiert in unserem Kopf, wenn wir einem Menschen am Bildschirm mit dem Spaten den Kopf abschlagen? Es ist ein bewusster Akt. Es ist die Überschreitung einer Grenze. Wir haben es getan – in unserem Kopf. Wir können es wieder tun.

Nachtrag: Hätte ich im Vorfeld etwas besser recherchiert, hätte ich schon vorher gewusst, was ich nur einen Tag später in einem Radioessay über Computerspiele auf Bayern 2 erfahren durfte (Download hier, “Play it again – Neue Spielwiesen im Computer – 06.12.2011″). Nämlich die Tatsache, dass die ersten Egoshooter natürlich – wie konnte es anders sein – für´s Militär emntwickelt wurden. Umso gruseliger, wie der Krieg einmal mehr Teil unserer Popkultur wird, und von dort – transformiert durch ebendiesen Pop – wieder in den Krieg zurückstrahlt. Kann man die Grundausbildung in der Bundeswehr heute verkürzen, wenn man eine langjährige Egoshooter-Erfahrung nachweisen kann? Ich frage mich, wieviele der heutigen Freiwilligen ihre militärische Grundausbildung im heimischen Kinderzimmer genossen haben. Und wenn diese Mutmaßung richtig sein sollte, inwiefern hat dann diese frühe Prägung ihre berufliche Entscheidung mitbeeinflusst? Welche Erwartungen haben sie an Ihre Tätigkeit? Jemandem mit dem Spaten den Kopf abschlagen?