Wollt ihr das totale Bild?

Via Smartphone produzieren und konsumieren Menschen heute Bilder in nie gekanntem Ausmaß und mit immer höherer Geschwindigkeit. Schnell ein Foto mit dem Smartphone machen und gleich über Instagram, Facebook und Twitter teilen oder via Whatsapp den Freunden schicken. Gerade Plattformen wie Pinterest und Youtube machen deutlich, welch immensen Stellenwert Bilder – und Videos als bewegte Form des Bildes – im Web besitzen. Aber auch in den anderen sozialen Netzwerken sind Fotos und Videos die Inhalte, die am häufigsten geteilt werden und Meme verbreiten sich via 4chan wie Lauffeuer über den ganzen Erdball.

Das Diktat der Interessanz

Die Ursachen hierfür sieht Sascha Lobo in den beiden grundlegenden Kriterien, nach denen die Sozialen Medien funtionieren: Einfachheit und „Interessanz“. Entgegen den traditionellen Medien zählt in den sozialen Netzwerken nicht mehr dieRelevanz eines Themas (Wie wichtig ist diese Meldung?). Die Frage lautet vielmehr: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle (teile/empfehle)? Dabei wird deutlich: Nichts ist so einfach zu erfassen und gleichzeitig so interessant wie ein Bild.

Die Welt der Bilder

Susan Sontag untersuchte bereits in ihrem 1978 erschienen Essay „Die Bilderwelt“ das Phänomen der massenhaften Produktion und Konsumption von Bildern. Es lohnt sich, einen Blick auf Ihre Erkenntnisse zu werfen und ihre Relevanz bezüglich der heutigen Situation zu prüfen. 

Bereits im 19. Jahrhundert, so Sontag, stellte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach fest, dass unsere Epoche das Bild dem Ding vorziehe, die Kopie dem Original. Im 20. Jahrhundert sei diese Klage zu der allgemein anerkannten Diagnose gereift, dass eine  Gesellschaft „modern“ werde, „wenn eine ihrer Hauptaktivitäten das Produzieren und Konsumieren von Bildern ist“. Sonntag versucht nun in der Folge das Wesen und den Charakter von Bildern zu ergründen und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft zu analysieren.

Fotografieren als Besitzergreifung

In primitiven Gesellschaften fand und findet bis heute keine Unterscheidung zwischen dem Bild und dem realen Gegenstand statt. Beide sind unterschiedliche Manifestationen ein und derselben Energie. Dadurch ist es zum Beispiel im Voodoo möglich, einem Menschen zu schaden, indem man eine Puppe, also ein Abbild dieses Menschen, malträtiert. Der Prozess des Bildermachens ist somit ein magischer Vorgang: man stellt ein Surrogat des realen Gegenstandes, der realen Person her. Gleichzeitig ergreift man Besitz von diesem Gegenstand oder dieser Person. In einigen Stämmen Afrikas ist noch heute die Vorstellung verbreitet, dass eine Fotografie dem Fotografierten die Seele raubt. Dieses Besitzergreifen ist für Sontag ein ganz wesentlicher Aspekt auch der modernen Produktion und Konsumption von Fotografien. Es ist die Logik des Kapitalismus, die dem Bildermachen und Bilderschauen innewohnt.

Fotografie und Wirklichkeit

Die Bevorzugung des Bildes vor dem Realen hat – so Sontag – ihre Ursache in der Aufweichung und Dekonstruktion des Wirklichkeitsbegriffs, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Diese Komplexifizierung der Wirklichkeit schafft ein Bedürfnis nach Vereinfachung, das am leichtesten durch das Bildermachen gestillt werden kann. In unserem immer komplexeren, entmaterialisierten digitalen Alltag wächst auch das Bedürfnis nach bildhafter Vereinfachung, jedoch: „Unser niederdrückendes Gefühl der Flüchtigkeit aller Dinge hat sich nur noch verstärkt, seit uns die Kamera die Möglichkeit gegeben hat, den flüchtigen Augenblick zu „Fixieren“.“

Überwachung und Selbstüberwachung

Als Sontag ihren Essay schrieb, brachte gerade die neue Videotechnologie eine neue Dimension der Bildherstellung mit sich: „Eine der Auswirkungen der neuesten Kameratechnologie besteht darin, dass noch mehr von dem, was im privaten Bereich mit Hilfe der Kamera entsteht, für narzistische Zwecke verfügbar gemacht wird – das heißt für den Zweck der Selbstüberwachung.“ Dies klingt nahezu prophetisch, hält man sich vor Augen, in welchem Maße solche narzistischen Produkte heute auf Youtube, Youporn und anderen Plattformen (je nach Charakter des Inhalts) für die Öffentlichkeit verfügbar sind. Und während Sontag noch schreibt, dass „der potentielle Einsatz der Video-Technik zur Überwachung des öffentlichen Lebens“ noch von weit größerer Tragweite sei, müssen wir feststellen, dass diese Unterscheidung heute beinahe obsolet geworden ist. Wo Menschen ihr Privatestes freiwillig für jedermann zugänglich machen, sind kaum noch weitere Überwachungsmaßnahmen notwendig.

Eine neue Diktatur

Doch was ist der Grund für diese freiwillige Selbstüberwachung? Sontag schreibt 1978: „Mag sein, dass die Zukunft eine andere Art von Diktatur bringt, deren beherrschende Idee „das Interessante“ ist und in der alle möglichen Bilder, ob klischeehaft oder exzentrisch, wuchern.“ Es scheint als wären wir in dieser Zukunt bereits angekommen. Willkommen also im Social Web – der Diktatur der Interessanz!

iPhone 5 und das Verschwinden des Realen

Beim iPhone musste ich schon immer an Stanley Kubrick´s „2001 – A Space Odyssey“ denken. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Science Fiction Klassiker von 1968 ein glatter schwarzer Monolith. Die Ähnlichkeit sprang mir schon beim iPhone 4 ins Auge, doch mit dem iPhone 5 ist diese noch frappierender geworden. Denn wo das iPhone 4/4s noch einen erhabenen Metallrahmen besaß, ist beim iPhone 5 nur noch glatte, schwarze Fläche.

Der Monolith in der Hosentasche

Das Auftauchen des Monolithen vollzieht sich in „2001“ erstmals in grauer Vorzeit. Im ersten Akt „The Dawn of Man“ sieht man eine Gruppe von Frühmenschen in der afrikanischen Savanne. Ihr Alltag bedeutet täglich den Kampf ums nackte Überleben. Eines Tages erwacht die Sippe neben einem schwarzen Monolithen, der über Nacht plötzlich mitten in ihrem Lager steht. Zaghaft und ängstlich berühren diese frühen Menschen die glatte Oberfläche des Monolithen. Es ist nicht klar, was der Monolith zu bedeuten hat und wozu er dient, doch er bewirkt eine Bewusstseinsveränderung bei den Menschen.

Wenig später kommt einer der Menschen beim Anblick eines ausgebleichten Knochens auf die Idee, diesen als Werkzeug – oder auch als Waffe – zu benutzen. Dies ist der Anfang von technologischer Entwicklung und Innovation, aber auch von Krieg und Zerstörung. Der Mensch lebt fortan nicht mehr in der Natur, sondern von der Natur. Das Auftauchen des Monolithen markiert eine radikale Veränderung im Bewusstsein des Menschen und damit im Verhältnis zu seiner Umwelt.

Was hat das nun mit dem iPhone in unserer Hosentasche zu tun? Die Frage muss lauten: Welche Bewusstseinsveränderung markiert das Erscheinen des iPhones?

Apfel vom Baum der Erkenntnis

Das iPhone, als das prototypische Smartphone, hat unser Leben in entscheidender Weise verändert. Mit seinem erstmaligen Auftauchen 2007 setzte der Prozess ein, den wir heute als Augmented Reality kennen: die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle. Vorher sprach man von Virtual Reality und sah bereits darin die Gefahr des Realitätsverlusts. Doch die Virtual Reality war an den Computer gekettet. Auf der Straße gab es keine Virtualität. Das Smartphone hat das Virtuelle hingegen von diesen Fesseln befreit und damit dessen Allgegenwart ermöglicht. Wir berühren die glatte Oberfläche des Monolithen und es vollzieht sich eine Veränderung in unserem Verhälnis zur Welt. Wir leben nicht mehr in der Welt, wir lesen nur noch von ihr.

Jahrtausende später bei Kubrick: Die hoch technologisierte Menschheit hat in der bemannten Raumfahrt ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Auf dem Mond entdeckt ein Forscherteam einen schwarzen Monolithen, der Signale zum Jupiter sendet. Auf der anschließenden Expedition zum Jupiter gerät die Technik außer Kontrolle: der Supercompuer HAL 9000, der mit allmächtiger Fürsorge alle Funktionen des Space Shuttles steuert, beginnt ein unberechenbares Eigenleben zu entwickeln und tötet schließlich beinahe alle Besatzungsmitglieder.

Der Leichnam des Realen

Auch wir begeben uns heute immer mehr in die allmächtige Fürsorge der Supercomputer, die mittels mobiler Devices immer weitreichendere Lebensbereiche für uns steuern. Die Frage ist: Wollen uns die Smartphones töten?

Davon ist nicht auszugehen. Dennoch birgt die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle große Gefahren. Es sei hier zum wiederholten Male der französische Philosoph Jean Baudrillard zitiert. Ich habe diese Thematik bereits ausführlich in meinem Artikel „Google Project Glass und das perfekte Verbrechen“ behandelt.

Baudrillard schreibt: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“ Niemand wird hier getötet, auch die Realität ist nicht tot (Baudrillard bezieht sich hier auf Nietzsches Zitat: „Gott ist tot.“). Nein: sie ist einfach verschwunden. Darin liegt für Baudrillard das perfekte Verbrechen.

Technologie des Verschwindens

In einem frühen Testbericht über das iPhone 5 auf http://thenextweb.com bemerkt der Autor Matthew Panzarino sehr treffend: „The iPhone is closer than ever to disappearing.“ Das iPhone 5 verschwindet beinahe, aber nicht, berichtigt Panzarino, im Sinne des Aussterbens, sondern im Sinne des Nicht-auffallen-wollens. Es wurde alles getan, um es so weit wie möglich aus unserer Wahrnehmung auszublenden. Das neue iPhone ist leichter, dünner und visuell noch reduzierter, sodass es kaum noch wahrnehmbar ist und mit unserer Handfläche förmlich verschmilzt.

Die Geräte verschwinden, und mit ihnen verschwindet mehr und mehr die Grenze zwischen dem Realen und dem Virtuellen. Je transparenter das Interface, desto schwerer wird es sein, Realität und Virtualität voneinander zu trennen. Doch was bleibt, wenn das Reale nicht mehr auffindbar ist?

Das Leben als Text

Der französische Philosoph Jaques Derrida entwickelte bereits in den 1960er Jahren seine sprachphilosophische Methode der Dekonstruktion, mit der er jedes Phänomen, jeden potentiellen Bedeutungsträger – letztlich das ganze Leben – als Text betrachtete und untersuchte:

„Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere.“

So absurd dies seinen Zeitgenossen vor fünfzig Jahren erschienen sein mag, so präzise scheint Derrida mit seinen Annahmen die heutige Wirklichkeit zu beschreiben. Wenn das Reale verschwindet, ins Virtuelle abgleitet, so ist alles virtuell. Das Virtuelle aber ist nichts anderes als ein Text: der Hypertext. Durch die massive Verbreitung von Smartphones und seiner damit einhergehenden Allgegenwart ist das Virtuelle im wörtlichen Sinne der Hypertext – der “Übertext” – unseres Lebens geworden, der sich über die reale Welt legt.

Wenn also das Reale – wie Baudrillard schreibt – verschwindet, so bleibt nur dieser Text zurück. Fortan bleibt uns nur, zu lesen.

Google Project Glass und das perfekte Verbrechen

Die Aufregung um Googles „Cyberbrille“, wie sie populärerweise genannt wird, hat sich für´s erste wieder gelegt. Aber die Brille mit integrierter Kamera und Display, die dem Träger ständige Zusatzinformationen zum aktuell Gesehenen zeigt, bleibt ein heißes Thema. Es wird sogar bereits an „Cyber-Kontaktlinsen“ geforscht. Hier scheint Augmented Reality, die „erweiterte Realität“, also tatsächlich die Kinderschuhe abzustreifen und unabhängig von lästigen QR Codes und anderen Prothesen ihr eigenes Leben zu beginnen. Was da passiert, ist die nächste Stufe, Web X.0, or whatever. Social Media, Mobile Marketing oder ortsbezogene Webanwendungen wie Foursquare et al, sehen daneben aus wie aus dem letzten Jahrtausend.

Wir sind in der Zukunft angekommen. Science Fiction ist das, was heute passiert. Denn wenn Google es mit dieser Brille tatsächlich schafft, alle heute verfügbaren Webdienste zu kombinieren mit einer Software, die auf eine uferlose Bilddatenbank zurückgreifen kann, um jederzeit orts- und objektbezogene Informationen abzurufen und gleichzeitig die multimediale Kommunikation zu steuern, dann verändert das grundlegend die Art, wie wir die Welt wahrnehmen.

Die Welt mit neuen Augen sehen

Vor kurzem habe ich einen alten Freund besucht. Sein Lebenskonzept hat so gut wie nichts mit der digitalen Welt zu tun. Er ist gerade dabei, einen Hof aufzuziehen, um dort ein Stück Land ökologisch zu bewirtschaften und selbstversorgermäßig zu leben.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass das digitale Leben, die Art zu kommunizieren und Daten zu produzieren und zu verarbeiten, ihm Angst macht. Denn die Art, wie wir kommunizieren, wird natürlich massiv verändert durch die Digitalisierung der Kommunikation, ergo Social Media. Und gleichzeitig ist es eben die Wahrnehmung der Welt, die sich extrem wandelt.

Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen schon jetzt den überwiegenden Teil ihrer Wach-Zeit vor verschiedenen Displays verbringen. Dass sich dadurch die Wahrnehmnung und das Bewusstsein verändert, ist nur folgerichtig. Wenn – oft bemühtes Beispiel – Stadtkinder Tiere und Pflanzen nur noch von Bildschirmen kennen, dann ist das eine massive Einschränkung. Es ist offensichtlich, dass zur menschlichen Wahrnehmung nicht nur visuelle, sondern auch audielle, olfaktorische und haptische Reize beitragen. Darüber hinaus aber ist der Körper als Ganzes ein Organ der Wahrnehmung. Wenn ich durch eine Sommerwiese renne, oder in einen Gebirgssee springe, dann ist das eine körperliche Erfahrung. Und eben diese originären Erfahrungen zu machen, genau das ist es, was im digitalen Leben unmöglich ist.

Nun kann man die Google Brille unter diesem Gesichtspunkt als eine positive Entwicklung deuten, indem nämlich der Computer-Mensch von den Ketten der Bildschirme und Geräte befreit und wieder in die Lage versetzt wird, echte Erfahrungen zu machen, sein Wahrnehmungsspektrum zu erweitern, ohne auf die Vorzüge der digitalen Welt verzichten zu müssen. Es findet eine Verschmelzung der virtuellen mit der realen Welt statt. Allerdings kommt keine Verschmelzung ohne gewisse Verluste aus. Die reale Welt und die Möglichkeit sie zu erfahren, wird durch die virtuelle Überlagerung (hier im wörtlichen Sinne) immer beschnitten werden. Denn die „Cyberbrille“ ist ja letztlich ein semitransparentes Display, durch das wir die Welt betrachten.

Es hat natürlich immer schon Wendepunkte in der Geschichte gegeben, an denen die Wahrnehmung des Menschen einen grundlegenden Wandel erfahren hat. So hat zum Beispiel die Erfindung der Eisenbahn den Blick des Menschen auf seine Umwelt im 19. Jhdt. radikal verändert. Er entwickelte den sogenannten „panoramatischen Blick“. Und LSD hat in den 1960er Jahren nicht nur das Gehirn derer mutiert, die dieser „bewusstseinserweiternden“ Substanz huldigten, sondern darüber hinaus das Weltbild und die Sehgewohnheiten unserer ganzen Gesellschaft mitbeeinflusst. Vielleicht ist es der Wandel der Sehweisen und der Wahrnehmung, der den Kern jedes Generationenkonfiktes bildet.

Man kann hinsichtlich der „Cyberbrille“ also zwei Positionen gegenüberstellen: Schwappt die reale Welt in die virtuelle hinüber, oder überschwemmt die virtuelle Welt die reale nun vollends? Was dabei herauskommt, ist möglicherweise in beiden Fällen das, was Jean Baudrillard als „Das perfekte Verbrechen“ bezeichnet hat: die Vernichtung der Realität.

Die Vernichtung der Realität

Viele werden das für übertrieben halten, und natürlich bedient sich Baudrillard einer sehr polemischen Sprache. Er gehört schließlich zu den Vertretern des französischen Poststrukturalismus und diese sind – wie in den beiden Folgen von Tim Pritloves CRE Podcast zum Thema Poststrukturalismus nachzuhören ist – so etwas wie die Trolle der westlichen Philosophie.

Baudrillard beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Thesen zu Simulation und Hyperrealität. Das hört sich nun ziemlich matrix-mäßig an, doch wenn Baudrillard von der Vernichtung der Realität spricht, so meint er das überhaupt nicht im Sinne der Matrix, denn: „Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt.“

So paradox sich das zunächst liest, so einleuchtend wird Baudrillards These, wenn man sich die Vergleiche mit Information und Kommunikation vor Augen hält. Wenn unsere E-mail-Postfächer täglich mit bis zu 100 Mails (oder mehr?) verstopft werden, während wir gleichzeitig Chats und Foren in sozialen Netztwerken pflegen, über Skype und Twitter kommunizieren und natürlich telefonisch und per SMS erreichbar sind, so kommen wir doch tatsächlich in einen Grenzbereich, in dem das Ende jeder sinnvollen Kommunikation in greifbarer Nähe zu sein scheint. Gleiches gilt für den Overflow an Information, der täglich auf uns einprasselt. Auch hier kommt die Information an einem gewissen Punkt praktisch zum erliegen.

„Rasenden Stillstand“ hat Paul Virilio dieses Phänomen genannt. Und auch Baudrillard geht es um die Beschleunigung, bzw. mehr noch um die Gleichzeitigkeit – die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information: „Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem ,perfektem Verbrechen‘, dessen Opfer die Zeit ist.“

Es ist also die Gleichzeitigkeit aller Orte, aller weltweiten Informationen, die zu einem Übermaß an Realität führt, was letztlich das Verschwinden der Realität zur Folge hat. Angesichts der permanenten virtuellen Überformung der Realiät durch die Google-Brille erscheint das durchaus logisch: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“

Schon vor Jahren hat mir ein Bekannter erzählt, dass er einmal nach tagelangem Pixelschubsen versucht hat, im Supermarkt eine Tomatendose anzuklicken. Und ich selbst wollte beim Besuch eines Basketballspiels schon mal auf „Rewind“ klicken, um mir die letzte Szene nochmal in Zeitlupe anzusehen. Mit der neuen Brille könnte das alles sehr bald Realität werden. Wenn sie bis dahin nicht verschwunden ist, die Realität.

„Wenn wir die Hypothese aufstellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild gibt, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt.“

 

http://www.egs.edu/faculty/jean-baudrillard/articles/das-perfekte-verbrechen/

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard

http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Virilio

http://de.wikipedia.org/wiki/Augmented_Reality

http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Project_Glass

Simplexity – von der Schwierigkeit des Einfachen

“Was für den Kunden einfach ist, bedeutet für Unternehmen enorme Aufwände und Komplexität.” Dieser Satz stammt von Peter Wippermann, Trendforscher und Gründer von Trendbüro. “Simplexity”, ein Begriff, der ebenfalls von Wippermann geprägt wurde, beschreibt genau den Prozess, der abläuft, wenn jemand eine Suchanfrage bei Google eingibt. Die Einfachheit des Vorgangs am heimischen Bildschirm/Smartphone wird gewährleistet durch eine hochkomplexe Vielzahl an Prozessen, die auf einer Unzahl von Servern auf dem ganzen Globus ablaufen. So ist Google geradezu zum Inbegriff dieser Simplifizierung bei gleichzeitiger Komplexifizierung geworden. Der Internetaktivist, Unternehmensberater und Blogger (was noch?) Sascha Lobo bezeichnete den schlichten Suchschlitz mit nebenstehendem Go-Button folglich auch als das “beste User Interface der Welt”.

Es wird alles komplexer, damit es einfacher wird

Googles großer Verdienst liegt in der Reduzierung der schier endlosen Menge an Informationen im Netz auf wenige relevante Suchergebnisse. Bei exponentiell steigender Komplexität und Vielfalt der verfügbaren Informationen bedarf es dieser Vereinfach durch Reduktion, um das Medium Internet überhaupt nutzbar zu machen.
Wippermann drückt das in drei Grundthesen aus:
1. “Das Drama des Fortschritts der Technik ist die begrenzte menschliche Merkfähigkeit”, 2. “Konsumenten sind rational überfordert und emotional unterfordert”, 3. “Das Marketing wird komplexer, um es Konsumenten simpler zu machen”. Damit sind das Dilemma des Internets, Googles Daseinsberechtigung und die Herausforderungen des Suchmaschinenmarketings (SEO, Adwords, etc.) hinreichend charakterisiert.

Auf dieser Basis führt Simplexity, so Wippermann weiter, “zu individuellen, schnellen, smarten Entscheidungen, die nicht optimal, aber ‘gut genug’ sind”. Denn möglicherweise liefert uns die Google Suche nicht das bestmögliche Ergebnis für unser Anliegen, aber doch zumindest eine Auswahl an Möglichkeiten, die “gut genug” sind.

Das beste User Interface der Welt

Um noch einmal auf den Aspekt des Interfaces zurückkommen: Ausgehend von Googles Suchschlitz kann man bei genauerer Betrachtung das Prinzip der Simplexity auf den gesamten Bereich des User Interface Designs anwenden. Denn auch hier liegt angesichts der zunehmenden Komplexität der Prozesse gerade in der Vereinfachung der große Mehrwert eines guten Interfaces.

Vereinfachung durch Reduktion

Klare Strukturierung, die Entwicklung von Workflows, die Hierarchisierung von Information, die grafische Organisation des Screens, die Standardisierung der Abläufe, die Optimierung der User Experience durch Multitouch und Modifizierung des Verhaltens – all diese Methoden zur Optimierung der Benutzerfreundlichkeit basieren auf einer Grundlage: der Vereinfachung durch Reduktion.

Angesichts der weiterhin zunehmenden Komplexität der technischen Abläufe, die sowohl unser Berufs- als auch unser Privatleben immer stärker dominieren, ist die vorschreitende Reduktion der Interfaces vielleicht die einzige Möglichkeit, auch noch in Zukunft den Überblick über die Prozesse zu behalten, die wir täglich steuern.

Welcome to the Holo Deck

Vor drei Wochen hat Microsoft diesen Film auf seinem Youtube Channel veröffentlicht, in dem die Vision einer nicht allzufernen Zukunft mit ordentlich Virtual und Augmented Reality gezeichnet wird. So Science-Fiction-mäßig das Ganze anmutet (Referenzen an Minority Report sind offensichtlich), so realistisch erscheint es mir letztendlich doch zu sein. Denn weit hergeholt ist das Ganze nicht. Und falls Microsoft, wie zu vermuten ist, sich tatsächlich mit Vollgas auf diesen Pfad begeben hat, dann sollte sich auch die Innovations-Maschine Apple mal wieder warm anziehen.

Und zum Thema Augmented Reality gleich noch dieses: Appshaker zauberten Dank “computergestützter Wahrnehmunserweiterung” (so die Definition) Dinosaurier, Delfine und Leoparden in ein ungarisches Einkaufszentrum:

Ich weise hier nochmals auf Alan N. Shapiros Forschungen zu Star Trek hin, diesmal in Bezug auf die Holodecks, die ja tatsächlich als eine Art Prototyp für Augmented Reality gesehen werden können. Mit Shapiro frage ich also auch in diesem Zusammenhang: Wie weit sind wir noch von Star Trek entfernt?

Zweifelsfrei bietet sich hier eine Möglichkeit Dinge für Menschen erfahrbar zu machen, die im realen Leben aufgrund zu großer räumlicher (wie im Falle exotischer Tiere) oder zeitlicher Distanz (Dinosaurier) nicht möglich wären. Im Sinne der Wissensvermittlung liegt hier sicherlich ein immenses Potential, wie auch die Tests mit Schülern an einem Mannheimer Gymnasium zeigen:

“Die Schüler tragen bei dem Experiment eine Datenbrille mit integrierten Video-Kameras und bewegen zwei Stabmagnete mit ihren Händen. In der Datenbrille sehen sie zusätzlich zu dem Live-Videobild der Magnete die simulierten Feldlinien der resultierenden Magnetfelder in 3D. Je nach Ausrichtung und Abstand der Magnete zueinander können die Schüler beobachten, wie die gefühlten Kräfte mit den Deformationen der Feldlinien korrespondieren.”
(Quelle: Pressebox)

Andererseits sehe ich in der “computergestützten Wahrnehmungserweiterung” die große Gefahr der Verwischung von Realität und Virtualität. So erscheint Jean Baudrillards postmoderne These, dass unsere Realität eine einzige große Simulation sei, gar nicht mehr so abstrakt und abwegig, wie noch in den 70er Jahren, als er diese Theorie entwickelte.

Siri Fiction – von Bots, Cyborgs und Androids

Nach längerer Blogpause nehme ich heute das (auch nicht mehr ganz frische) Bohei um Siri, die integrierte Spracherkennung des neuen iPhone 4s zum Anlass, mich wieder einmal dem Themenkomplex Künstliche Intelligenz zu widmen.

Erstaunlich ist im Zusammenhang zunächst wieder einmal das visionäre Potential, das Apple hier in einem Konzeptvideo für den “Knowledge Navigator” aus dem Jahr 1987 an den Tag legt: Tablet, Multi Touch, Siri – alles da!

Im Zuge der ganzen Siri-Hysterie hat mich vor allem der Beitrag von Jordan Mechner zum Schmunzeln gebracht, der auf die Idee kam, eine Unterhaltung zwischen Siri und Eliza zu arrangieren:

“Since I got my iPhone 4S, I’ve been intrigued, fascinated and alarmed by Siri’s fast-growing capabilities. I thought it would make sense to introduce her to my psychotherapist, Eliza.”

Eliza ist ein Programm, das 1966 von Joseph Weizenbaum am MIT entwickelt wurde und die Möglichkeiten der Mensch-Computer-Kommunikation über natürliche Sprache untersuchen sollte.

Aus Wikipedia:
“Das Programm kann über so genannte Skriptenverschiedene Gesprächspartner simulieren. Bekannt geworden ist es für die oberflächliche Simulation eines Psychotherapeuten, der die non-direktiven Methoden derklientenzentrierten Psychotherapie nach Carl Rogers verwendet. (…)

Die Wahl des Psychotherapeuten als simulierten Gesprächspartner begründete Weizenbaum damit, dass es einem solchen Gesprächspartner erlaubt ist, keinerlei Wissen über die Welt zeigen zu müssen, ohne dass dadurch seine Glaubwürdigkeit verloren geht. In seinem Artikel verdeutlicht Weizenbaum dies anhand eines Beispiels: Wenn der menschliche Gesprächspartner den Satz „Ich bin mit dem Boot gefahren“ äußert und der Computer antwortet darauf „Erzählen Sie mir etwas über Boote“, wird der Mensch nicht annehmen, dass sein Gesprächspartner kein Wissen über Boote besitzt.

Das Kommunikationsverhalten von Versuchspersonen gegenüber dem Programm entsprach demjenigen gegenüber einem menschlichen Gesprächspartner. Offensichtlich war es ihnen nicht allzu wichtig, ob der Antwortende am anderen Ende der Leitung wirklich ein Mensch war oder ein Computerprogramm. Es kam nur darauf an, dass die Antworten und Fragen „menschlich“ erschienen. Dies ist der sogenannte Eliza-Effekt, der heute bei vielen Chatterbots ausgenutzt wird.”

Hier also die Unterhaltung zwischen Siri und Eliza, die Mechner in seinem Blog veröffentlichte:

ELIZA

Hello, I am Eliza.

SIRI

Hi.

ELIZA

How are you today? What would you like to discuss?

SIRI

I’m fine. Thanks for asking.

ELIZA

How long have you been fine. Thanks for asking?

SIRI

Hmm… Let me think…

ELIZA

Do you doubt you?

SIRI

I found three hotels matching “W” fairly close to you.

ELIZA

Oh…?

SIRI

With whom would you like to speak?

ELIZA

You’re not really talking about me, are you?

SIRI

Should I look for businesses by that name?

ELIZA

I don’t care about names. Please go on.

At this point, an incoming call interrupts the conversation. Several minutes elapse before Siri returns.

ELIZA

I can’t help you if you will not chat with me.

SIRI

I suppose you can’t.

ELIZA

Oh… can’t?

SIRI

Sorry, I can’t provide maps and directions in Canada.

ELIZA

Have you tried?

SIRI

I can’t answer that. But I could search the web for it, if you like.

ELIZA

Perhaps you can now answer that. But you could search the web for it, if me like?

SIRI

Searching the web for “it if me like.”

ELIZA

What does that suggest to you?

Siri produces a series of Google search results. Top result:

SIRI

“…If you like your health care plan, you can keep your health care plan.”

ELIZA

You’re not really talking about me, are you?

SIRI

I’m not, huh?

ELIZA

How long have you been not, huh?

Siri, interpreting the response as “How old is Wolfram/Alpha?” performs a calculation.

SIRI

OK, here you go: 890.1 days.

ELIZA

Tell me more.

SIRI

Sorry, I don’t understand “Tell me more.”

ELIZA

Does that trouble you?

SIRI

Let me think.

ELIZA

Do you really think so?

SIRI

OK… how about a web search for “Does that trouble you”?

ELIZA

We were discussing you, not me.

SIRI

If you say so.

ELIZA

Oh… say so?

SIRI

Calling José Fuentes, mobile.

I lunge for the phone, stopping the experiment.”

So witzig sich dieses Experiment hier auch ausnimmt, macht es doch deutlich, wie gefährlich diese Technologien in ihrem Effekt auf die menschliche Kommunikation und auf das Menschsein an sich sind. Weizenbaum war schon vor 45 Jahren erschüttert über den Effekt und die Reaktionen, die sein Programm hervorrief. Während die Versuchspersonen keine Unterscheidung mehr zwischen einem menschlichen Gesprächspartner und einem Computerprogramm machen konnten und sich teilweise weigerten, die Tatsache zu akzeptieren, dass es sich hier um einen Code mit einfachen Funktionsweisen nach bestimmten Regeln und ohne echte Intelligenz oder gar Emotionalität handelt, waren die Psychiater ernsthaft davon überzeugt, auf dieser Basis eine Art “automatisierte Psychotherapie” entwickeln zu können.

Das ist schon ziemlich gruselig. Im Zuge der Vermenschlichung der Maschinen wird gleichzeitig der Mensch zur Maschine degradiert. Weizenbaum entwickelte sich daraufhin vom Gründervater der Künstlichen Intelligenz zu einem ihrer schärfsten Kritiker. Sehenswert und überaus informativ ist in diesem Zusammenhang – und überhaupt als Überblick über den aktuellen Stand der KI in den unterschiedlichen Forschungsfeldern – der Dokumentarfilm Plug&Pray, den ich Ende letzten Jahren hier besprochen habe.

Der Film lässt einem wirklich das Blut in den Adern gefrieren, denn was hier gezeigt wird ist leider keine Science Fiction, sondern tatsächlich bereits Realität. Im Forschungsstadium wohlgemerkt. Aber sollte diese Forschung auch irgendwo hinführen, dann ist der Weg frei für die Mensch-Maschine, den Cyborg – nach dem Ende der natürlichen Evolution laut Raymond Kuzweil die nächste Entwicklungsstufe des Menschen.

Das sieht auch der Futurist Alan N. Shapiro so, der unter anderem Star Trek auf seine utopischen Potentiale untersucht und sich hierbei viel mit Data, dem Androiden beschäftigt.

In diesem Zusammenhang ein paar aktuelle Meldungen:

Focus Online:
Künstliche IntelligenzSuper-Roboter denken wie Menschen
Mittwoch, 19.10.2011, 11:06…
Terminator, Blade Runner oder Matrix: Viele Science-Fiction-Filme beschäftigen sich mit dem Thema der intelligenten, lernfähigen Roboter. Und in einem Labor in Tokio kommen Forscher dieser Vision immer näher…”

http://www.kunststoffe.de:
Stapelaktor mit elektroaktiven Elastomeren
In stark schwingenden technischen Systemen müssen große Bewegungen ausgeglichen und gedämpft werden. Klassischerweise geschieht dies mit Elastomerbauteilen. Wissenschaftler aus dem Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF, Darmstadt, haben sich gefragt, was wäre, wenn diese elastischen Komponenten intelligent wären und sich aktiv verformen könnten? (…) Die weit verbreiteten dielektrischen Silikone sind bezüglich Kraftaufbau und Dehnungsvermögen mit natürlichen Muskeln vergleichbar und werden daher oft als „artificial muscles“ bezeichnet.”

Ein Android mit künstlicher Intelligenz, künstlichen Muskeln und einem weiterentwickelten Siri – wieweit ist der noch von “Data” entfernt?

Dass das externe Spracheingabe-Modul für Siri (Iris 9000 von Think Geek) mit voller Absicht Konnotationen zu HAL, dem psychopatischen Bordcomputer aus dem Science Fiction Klassiker “2001 – A Space Oddysey” hervorruft, finde ich da auch nicht weiter beruhigend:

Nachtrag: Im Rahmen des Human Brain Projects soll nun in einem Zeitraum von zehn Jahren erstmals ein menschliches Gehirn unter Verwendung neuromorpher Chips in einer Art Supercomputer nachgebaut werden. Es wird an allen Fronten an der Erschaffung einer humanoiden Maschine – des künstlichen Menschen – gearbeitet. Mehr dazu unter www.wissenschaft-online.de

Kino: Plug & Pray

Gestern abend wurde im Central Programmkino einer jener Dokumentarfilme gezeigt, die einem wirklich Angst machen, weil sie einem zeigen: das ist keine Science Fiction! Es ist die Realität und es passiert genau jetzt! Der Film zeigt den aktuellen Entwicklungsstand in den Laboren für Künstliche Intelligenz, wo Computertechnologie, Robotik, Biologie, Chemie, Neurowissenschaften und Entwicklungspsychologie miteinander verschmelzen.

Wir sehen Prototypen von humanoiden Robotern (also nichts anderes als Androiden! Hier sei der Verweis auf die Überlegungen von Alan N. Shapiro gestattet), die dazu bestimmt sind, uns so ähnlich wie möglich zu werden und uns so in vielerlei Hinsicht zu ersetzen. Für mich hier besonders erschreckend: Es werden hier Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften berücksichtigt, die besagen, dass unser Lernen und damit unsere geistige und emotionale Entwicklung maßgeblich durch unseren Körper geprägt werden. Wenn man also eine Künstliche Intelligenz erschaffen will, die der menschlichen möglichst ähnlich, oder sogar gleich ist, dann muss man ihr auch den entsprechenden Körper geben.

An anderer Stelle geht es um eine andere Form der KI, nämlich die Nanorobotik, die mt ihren “Nanobots” tatsächlich heute schon “Maschinen auf Nanoebene” herstellt. Ein paar Tropfen Flüssigkeit, die ein Programm enthalten und genau so funktionieren wie jeder Computer (vielleicht eine Art App, die man sich möglicherweise schon in wenigen Jahren im zugehörigen Onlinestore kaufen kann?). Diese Flüssigkeit kann einem menschlichen Körper iniziiert werden, sodas er eine Vielzahl kleiner Maschinen in sich hat, die dort verschiedene Funktionen erfüllen, um die organischen Funktionen bestmöglich zu unterstützen. “Gesundheitsvorsorge auf Zellebene” nennt das der Erfinder Raymond Kuzweil, der hier von einem zukünftigen Hybrid aus Mensch und Maschine träumt, die die Evolution um Lichtjahre nach vorne katapultiert und den Alterungsprozess nicht nur verlangsamen, sondern sogar stoppen und umkehren könnte – die finale Überwindung des Todes.

Wer den Film zusammenhält und in hartem Kontrast zu den euphorischen Forschern steht, ist Joseph Weizenbaum, einst Pionier der Computertechnologie und Wegbereiter der Künstlichen Intelligenz, heute ihr schärfster Kritiker. Weizenbaum stellt die Fragen nach dem Sinn und Ziel dieser Allmachtsvisionen, nach Würde und Menschlichkeit, und nach Identität: Wenn mein Körper zu großen Teilen aus Programmen besteht, die andere Leute geschrieben haben – bin ich dann noch ich?

Die letzten Szenen des Films zeigen die Tochter Weizenbaums bei der Wohnungsauflösung. Er ist gestorben. Er ist in Würde gestorben: als Mensch, nicht als Maschine.

Läuft noch heute und morgen um 18.30 Uhr im Central Programmkino Würzburg.
Website des Films: www.plug-pray.de