Liebe und Tod

Nach Ebo Taylors fulminantem Auftritt auf der Ulla Eisbrecher a.k.a. Arte Noah im Würzburger Hafenbecken konnte ich natürlich nicht widerstehen und habe mir seine Platte gleich gekauft und vom Meister signieren lassen. Er selbst an der Gitarre, unterstützt von seinem Sohn an den Keys, sowie von Musikern der Bands KabuKabu und Poets of Rhythm (dem einen oder anderen vielleicht noch aus den 90ern als Münchner Acid Jazz/Funk-Formation bekannt) zeigte Taylor eindrucksvoll, dass den Afrobeat-Priester der Groove auch im Alter von 75 nicht verlässt.

Satte Bläsersätze, pulsierende Drums, der Sound direkt aus den Siebzigern und doch extrem frisch und knackig. Das muss sich nicht hinter den Arrangements des großen Fela Kuti, oder den neuen Produktionen seines ehemaligen Drummers Tony Allen verstecken – ganz im Gegenteil. Vor etwa 70 Gästen begeisterte Ebo in familiärer Atmosphäre mit einer leidenschaftlichen Performance, sowohl sängerisch und tänzerisch, als auch durch seine gefühlvollen Gitarrensoli. Bestechend auch seine sympathische Ausstrahlung und Authentizität, die ganz ohne die divenhafte Coolness eines Tony Allen auskommt (Nevertheless i´m your fan, Tony!).

Schade, dass der Mitschnitt, der kurzzeitig im Netz war, nicht mehr zur verfügung steht. Bleibt mir nur noch ein Zitat des Schlagzeugers: “You know what the taylors do: they sew dresses. But this man here, he sews music!”

Yes, he does!

2. Kammerkonzert: Arnold Schönberg

Eines meiner musikalischen Langzeitprojekte ist die langsame Annäherung an die klassische Musik. Als jemand, der eindeutig aus der schwarzen Ecke/Jazzecke kommt, war es für mich anfänglich absolut unmöglich, mich intellektuell mit dieser typisch “weißen” Musik auseinanderzusetzen. Letztlich habe ich über die Beschäftigung mit elektronischer Musik (die meiner Ansicht nach – im besten Fall – die aktuelle und als solche zukunftsweisende Synthese aus afrikanischen und europäischen musikalischen Traditionen ist) und – als weiteren Schritt – mit “Neuer Musik” einen gewissen Zugang zur klassischen Musik bekommen. Der Besuch einiger Sinfoniekonzerte in der Musikhochschule (Rachmaninoff wird mir hier in ewiger Erinnerung bleiben) hat mich erfahren lassen, was den Dirigenten Sergiu Celibidache dazu veranlasste, sich strikt gegen die Aufzeichnung seiner Konzerte zu stellen (es gibt glücklicherweise dennoch einige Aunahmen): Klassische Musik muss man live erleben! Es ist nicht möglich auf Platte zu pressen oder digital einzufangen und später im heimischen Wohnzimmer abzuspielen, was es für ein Gefühl ist, in einem Konzertsaal von einem Orchester mitgerissen zu werden. Das ist nicht nur ein Hörerlebnis, es ist ein körperliches!
Gestern habe ich daher einen neuen Schritt gewagt und bin zu meinem ersten Kammerkonzert im Toskanasaal der Residenz gegangen. Arnold Schönberg stand auf dem Programm, also einer der Väter, wenn nicht DER Vater der Neuen Musik, Erfinder der Zwölftontechnik (Mehr über Arnold Schönberg hier). Seine “Kammersinfonie in E-Dur, op.9″ löste 1906 einen Skandal aus, im Toskanasaal blieb es ruhig, vielleicht weil man am Sonntag Morgen um 11 Uhr noch nicht zu Tumult in der Lage war. Nach der Pause folgte “Pierrot Lunaire”, eine Vertonung von 21 Gedichten Albert Girauds von 1912. Der strahlende Sonnenschein, der um 12 Uhr mittags aus dem Residenzgarten hereindrang, wollte nicht so recht zu den düsteren Zeilen passen, aber dennoch: ein Klangerlebnis der anderen Art!