Google Project Glass und das perfekte Verbrechen

Die Aufregung um Googles „Cyberbrille“, wie sie populärerweise genannt wird, hat sich für´s erste wieder gelegt. Aber die Brille mit integrierter Kamera und Display, die dem Träger ständige Zusatzinformationen zum aktuell Gesehenen zeigt, bleibt ein heißes Thema. Es wird sogar bereits an „Cyber-Kontaktlinsen“ geforscht. Hier scheint Augmented Reality, die „erweiterte Realität“, also tatsächlich die Kinderschuhe abzustreifen und unabhängig von lästigen QR Codes und anderen Prothesen ihr eigenes Leben zu beginnen. Was da passiert, ist die nächste Stufe, Web X.0, or whatever. Social Media, Mobile Marketing oder ortsbezogene Webanwendungen wie Foursquare et al, sehen daneben aus wie aus dem letzten Jahrtausend.

Wir sind in der Zukunft angekommen. Science Fiction ist das, was heute passiert. Denn wenn Google es mit dieser Brille tatsächlich schafft, alle heute verfügbaren Webdienste zu kombinieren mit einer Software, die auf eine uferlose Bilddatenbank zurückgreifen kann, um jederzeit orts- und objektbezogene Informationen abzurufen und gleichzeitig die multimediale Kommunikation zu steuern, dann verändert das grundlegend die Art, wie wir die Welt wahrnehmen.

Die Welt mit neuen Augen sehen

Vor kurzem habe ich einen alten Freund besucht. Sein Lebenskonzept hat so gut wie nichts mit der digitalen Welt zu tun. Er ist gerade dabei, einen Hof aufzuziehen, um dort ein Stück Land ökologisch zu bewirtschaften und selbstversorgermäßig zu leben.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass das digitale Leben, die Art zu kommunizieren und Daten zu produzieren und zu verarbeiten, ihm Angst macht. Denn die Art, wie wir kommunizieren, wird natürlich massiv verändert durch die Digitalisierung der Kommunikation, ergo Social Media. Und gleichzeitig ist es eben die Wahrnehmung der Welt, die sich extrem wandelt.

Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen schon jetzt den überwiegenden Teil ihrer Wach-Zeit vor verschiedenen Displays verbringen. Dass sich dadurch die Wahrnehmnung und das Bewusstsein verändert, ist nur folgerichtig. Wenn – oft bemühtes Beispiel – Stadtkinder Tiere und Pflanzen nur noch von Bildschirmen kennen, dann ist das eine massive Einschränkung. Es ist offensichtlich, dass zur menschlichen Wahrnehmung nicht nur visuelle, sondern auch audielle, olfaktorische und haptische Reize beitragen. Darüber hinaus aber ist der Körper als Ganzes ein Organ der Wahrnehmung. Wenn ich durch eine Sommerwiese renne, oder in einen Gebirgssee springe, dann ist das eine körperliche Erfahrung. Und eben diese originären Erfahrungen zu machen, genau das ist es, was im digitalen Leben unmöglich ist.

Nun kann man die Google Brille unter diesem Gesichtspunkt als eine positive Entwicklung deuten, indem nämlich der Computer-Mensch von den Ketten der Bildschirme und Geräte befreit und wieder in die Lage versetzt wird, echte Erfahrungen zu machen, sein Wahrnehmungsspektrum zu erweitern, ohne auf die Vorzüge der digitalen Welt verzichten zu müssen. Es findet eine Verschmelzung der virtuellen mit der realen Welt statt. Allerdings kommt keine Verschmelzung ohne gewisse Verluste aus. Die reale Welt und die Möglichkeit sie zu erfahren, wird durch die virtuelle Überlagerung (hier im wörtlichen Sinne) immer beschnitten werden. Denn die „Cyberbrille“ ist ja letztlich ein semitransparentes Display, durch das wir die Welt betrachten.

Es hat natürlich immer schon Wendepunkte in der Geschichte gegeben, an denen die Wahrnehmung des Menschen einen grundlegenden Wandel erfahren hat. So hat zum Beispiel die Erfindung der Eisenbahn den Blick des Menschen auf seine Umwelt im 19. Jhdt. radikal verändert. Er entwickelte den sogenannten „panoramatischen Blick“. Und LSD hat in den 1960er Jahren nicht nur das Gehirn derer mutiert, die dieser „bewusstseinserweiternden“ Substanz huldigten, sondern darüber hinaus das Weltbild und die Sehgewohnheiten unserer ganzen Gesellschaft mitbeeinflusst. Vielleicht ist es der Wandel der Sehweisen und der Wahrnehmung, der den Kern jedes Generationenkonfiktes bildet.

Man kann hinsichtlich der „Cyberbrille“ also zwei Positionen gegenüberstellen: Schwappt die reale Welt in die virtuelle hinüber, oder überschwemmt die virtuelle Welt die reale nun vollends? Was dabei herauskommt, ist möglicherweise in beiden Fällen das, was Jean Baudrillard als „Das perfekte Verbrechen“ bezeichnet hat: die Vernichtung der Realität.

Die Vernichtung der Realität

Viele werden das für übertrieben halten, und natürlich bedient sich Baudrillard einer sehr polemischen Sprache. Er gehört schließlich zu den Vertretern des französischen Poststrukturalismus und diese sind – wie in den beiden Folgen von Tim Pritloves CRE Podcast zum Thema Poststrukturalismus nachzuhören ist – so etwas wie die Trolle der westlichen Philosophie.

Baudrillard beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Thesen zu Simulation und Hyperrealität. Das hört sich nun ziemlich matrix-mäßig an, doch wenn Baudrillard von der Vernichtung der Realität spricht, so meint er das überhaupt nicht im Sinne der Matrix, denn: „Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt.“

So paradox sich das zunächst liest, so einleuchtend wird Baudrillards These, wenn man sich die Vergleiche mit Information und Kommunikation vor Augen hält. Wenn unsere E-mail-Postfächer täglich mit bis zu 100 Mails (oder mehr?) verstopft werden, während wir gleichzeitig Chats und Foren in sozialen Netztwerken pflegen, über Skype und Twitter kommunizieren und natürlich telefonisch und per SMS erreichbar sind, so kommen wir doch tatsächlich in einen Grenzbereich, in dem das Ende jeder sinnvollen Kommunikation in greifbarer Nähe zu sein scheint. Gleiches gilt für den Overflow an Information, der täglich auf uns einprasselt. Auch hier kommt die Information an einem gewissen Punkt praktisch zum erliegen.

„Rasenden Stillstand“ hat Paul Virilio dieses Phänomen genannt. Und auch Baudrillard geht es um die Beschleunigung, bzw. mehr noch um die Gleichzeitigkeit – die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information: „Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem ,perfektem Verbrechen‘, dessen Opfer die Zeit ist.“

Es ist also die Gleichzeitigkeit aller Orte, aller weltweiten Informationen, die zu einem Übermaß an Realität führt, was letztlich das Verschwinden der Realität zur Folge hat. Angesichts der permanenten virtuellen Überformung der Realiät durch die Google-Brille erscheint das durchaus logisch: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“

Schon vor Jahren hat mir ein Bekannter erzählt, dass er einmal nach tagelangem Pixelschubsen versucht hat, im Supermarkt eine Tomatendose anzuklicken. Und ich selbst wollte beim Besuch eines Basketballspiels schon mal auf „Rewind“ klicken, um mir die letzte Szene nochmal in Zeitlupe anzusehen. Mit der neuen Brille könnte das alles sehr bald Realität werden. Wenn sie bis dahin nicht verschwunden ist, die Realität.

„Wenn wir die Hypothese aufstellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild gibt, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt.“

 

http://www.egs.edu/faculty/jean-baudrillard/articles/das-perfekte-verbrechen/

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard

http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Virilio

http://de.wikipedia.org/wiki/Augmented_Reality

http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Project_Glass

Simplexity – von der Schwierigkeit des Einfachen

“Was für den Kunden einfach ist, bedeutet für Unternehmen enorme Aufwände und Komplexität.” Dieser Satz stammt von Peter Wippermann, Trendforscher und Gründer von Trendbüro. “Simplexity”, ein Begriff, der ebenfalls von Wippermann geprägt wurde, beschreibt genau den Prozess, der abläuft, wenn jemand eine Suchanfrage bei Google eingibt. Die Einfachheit des Vorgangs am heimischen Bildschirm/Smartphone wird gewährleistet durch eine hochkomplexe Vielzahl an Prozessen, die auf einer Unzahl von Servern auf dem ganzen Globus ablaufen. So ist Google geradezu zum Inbegriff dieser Simplifizierung bei gleichzeitiger Komplexifizierung geworden. Der Internetaktivist, Unternehmensberater und Blogger (was noch?) Sascha Lobo bezeichnete den schlichten Suchschlitz mit nebenstehendem Go-Button folglich auch als das “beste User Interface der Welt”.

Es wird alles komplexer, damit es einfacher wird

Googles großer Verdienst liegt in der Reduzierung der schier endlosen Menge an Informationen im Netz auf wenige relevante Suchergebnisse. Bei exponentiell steigender Komplexität und Vielfalt der verfügbaren Informationen bedarf es dieser Vereinfach durch Reduktion, um das Medium Internet überhaupt nutzbar zu machen.
Wippermann drückt das in drei Grundthesen aus:
1. “Das Drama des Fortschritts der Technik ist die begrenzte menschliche Merkfähigkeit”, 2. “Konsumenten sind rational überfordert und emotional unterfordert”, 3. “Das Marketing wird komplexer, um es Konsumenten simpler zu machen”. Damit sind das Dilemma des Internets, Googles Daseinsberechtigung und die Herausforderungen des Suchmaschinenmarketings (SEO, Adwords, etc.) hinreichend charakterisiert.

Auf dieser Basis führt Simplexity, so Wippermann weiter, “zu individuellen, schnellen, smarten Entscheidungen, die nicht optimal, aber ‘gut genug’ sind”. Denn möglicherweise liefert uns die Google Suche nicht das bestmögliche Ergebnis für unser Anliegen, aber doch zumindest eine Auswahl an Möglichkeiten, die “gut genug” sind.

Das beste User Interface der Welt

Um noch einmal auf den Aspekt des Interfaces zurückkommen: Ausgehend von Googles Suchschlitz kann man bei genauerer Betrachtung das Prinzip der Simplexity auf den gesamten Bereich des User Interface Designs anwenden. Denn auch hier liegt angesichts der zunehmenden Komplexität der Prozesse gerade in der Vereinfachung der große Mehrwert eines guten Interfaces.

Vereinfachung durch Reduktion

Klare Strukturierung, die Entwicklung von Workflows, die Hierarchisierung von Information, die grafische Organisation des Screens, die Standardisierung der Abläufe, die Optimierung der User Experience durch Multitouch und Modifizierung des Verhaltens – all diese Methoden zur Optimierung der Benutzerfreundlichkeit basieren auf einer Grundlage: der Vereinfachung durch Reduktion.

Angesichts der weiterhin zunehmenden Komplexität der technischen Abläufe, die sowohl unser Berufs- als auch unser Privatleben immer stärker dominieren, ist die vorschreitende Reduktion der Interfaces vielleicht die einzige Möglichkeit, auch noch in Zukunft den Überblick über die Prozesse zu behalten, die wir täglich steuern.

Sascha Lobo und das mobile Aleph

Die Veranstalter der MainIT leisteten sich dieses Jahr Sascha Lobo als Headliner für ihre kleine Hausmesse. Skeptisch aufgrund des zweifelhaften Rufes desselben einerseits und der recht biederen Anmutung des Veranstaltungsplakats andererseits, machte ich mich gestern doch auf, den deutschen Web-Papst in Augenschein zu nehmen und mich im schlimmsten Falle ein bischen bespaßen und bepöbeln zu lassen, wie ich es schon bei Lobos früheren Vorträgen via Podcast gesehen hatte.

Hier schon mal eine Bewertung vorweg: Lobo ist bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. Als Dampfplauderer verschrien, überzeugte er mich durch genaue Beobachtungen von Einzelphänomenen, die er durch intelligente Thesen in einen größeren Zusammenhang brachte. Sein Vortrag war nicht die reine Selbstdarstellung und Eigenvermarktung, die ihm gerne vorgeworfen wird, stattdessen lieferte er haarscharfe Analysen, die den Themenkomplex aus der Perspektive des Kulturwissenschaftlers beleuchteten. Rhetorisch mit allen Wassern gewaschen nahm er durch hier und da eingestreutes Understatement (“Ich kenn mich da ja viel schlechter aus als viele andere Leute”) jede Kritik vorweg – was natürliche eine gute Masche ist.

Lobo präsentierte sich also in gewohnter Redegewandtheit und Unterhaltsamkeit, kam nach einer einleitenden Anekdote bezüglich seiner Anreise (Taxi Halle-Würzburg = 450€) aber schnell zum Punkt: „Wie das Netz die Welt verändert – vom Kontrollverlust bis zur Digitalen Gesellschaft“, so der recht populistische Titel seiner Keynote. Was dann folgte war aber weit mehr als ein bischen Palaver über Digital Natives und Leben in der Cloud und Facebook und Twitter und Google+. Vielmehr analysierte Lobo die Prinzipien, nach denen soziale Netzwerke funktionieren, was sicherlich nichts absolut Neues zu Tage förderte, aber gewisse Dinge aus dem kommunikations- und kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet noch einmal exakt auf den Punkt brachte.

So stellte er zunächst die “Einfachheit” als absolutes Erfolgskriterium im Web heraus, was sich am prominentesten an den Produkten von Apple und Google nachvollziehen lässt. Was nun im Web 2.0 hinzu kommt – und das unterscheidet es von allen anderen Medien – das ist die (von Lobo so getaufte) “Interessanz”. Während in den alten Medien Relevanz das absolute Kriterium darstellt ( was also auf die Titelseite kommt), das wird bei Google & Co abgelöst von der Interessanz, also dem, was den Usern interessant erscheint. Die Kombination von Beidem, “Einfachheit” und “Interessanz”, bildet ergo das absolute Erfolgskriterium für das Social Web: die “Weitererzählbarkeit”. Die entscheidende Frage lautet also: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle? Denn nicht mehr “Clicks”, sondern “Likes” sind die neue Währung im Web, nichts anderes also als eine Empfehlung, die ja schon immer die beste Werbung war.

Dann wendet sich Sascha Lobo der Frage zu, wie das Web tatsächlich “unser Leben verändert”. Zahlen, wie die durchschnittliche monatliche Anzahl der SMS eines weiblichen amerikanischen Teenagers (4050) verdeutlichen, wie sehr die digitale Kommunikation unseren Alltag verändert. Er spricht hier (ausnahmsweise) von den “Digital Natives”, die zu jeder Zeit und an jedem Ort alle ihre Freunde in der Tasche dabei haben – in Form ihres Smartphones. Was sie somit außerdem immer verfügbar haben ist eine “digitale Schicht”, so Lobo, die man jederzeit über die reale Welt legen kann.
Das meint natürlich zunächst, dass ich jederzeit alle Informationen aus dem Netz abrufen kann, im Prinzip also die ganze Welt in der Tasche habe. Er zieht hier den überraschenden, wie beeindruckenden Vergleich zu einer phantastischen Erzählung des argentinischen Autors Jorge Louis Borges (1899-1986, Begründer des Magischen Realismus): “Das Aleph”. In dieser Geschichte geht es um einen Punkt im Keller eines alten Hauses, in dem jeder Ort des Universums enthalten ist. Das Smartphone, so Lobo ist also nichts anderes als ein “mobiles Aleph”.

Dann zeigt er Beispiele von Apps, die das Thema Augmented Reality auf eine neue Stufe heben. Lifestreams, in denen per Texterkennung und Übersetzungsprogramm Schriftzüge in Echtzeit retuschiert werden. Lifestreams, aus denen in Echtzeit Gegenstände und Personen retuschiert werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Realität muss hier noch einmal neu gestellt werden. Es zeigt sich hier auch auf drastische und besonders plakative Weise, wie sehr unser Leben vom Digitalen, die Realität von der Virtualität überlagert wird. Diese permanente und exponentiell wachsende digitale Überlagerung der Realität gepaart mit den Bestrebungen der Artificial Intelligence lässt Gedanken (hier bin ich mal ein wenig populistisch) an die Matrix aufkommen. Die realistischere Zukunftsperspektive aber – und hier folge ich Alan N. Shapiro – ist Star Trek: Holodecks und Androiden scheinen mittlerweile mehr “Science” als “Fiction” zu sein.

Bei Lobos Vergleich des Smartphones mit dem “Aleph” kam mir eine andere Erzählung Borges´ in den Sinn. Borges beschäftigte sich in seinen Texten oft mit dem Phänomen der Unendlichkeit, so auch in “Die Bibliothek von Babel”. Es geht darin um eine Bibliothek, die beschrieben wird mit Gängen, Galerien und Treppen. Aber sie hat die Besonderheit, dass sie gleichzeitig das Universum darstellt und somit unendlich ist. Es gibt kein Buch, das sich zweimal findet, aber es gibt Kommentare zu den Büchern und Kommentare zu den Kommentaren. Die Welt – ein einziger Text. Eine unendliche Datenmenge. Die Analogie ist verblüffend: Facebook, Twitter, Google+. Das Internet.

In der Fußnote auf der letzten Seite heißt es: “Letizia Álvarez de Toledo hat angemerkt, daß die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (Cavalieri sagte zu Anfang des 17. Jahrhunderts, daß jeder feste Körper die Überlagerung einer unendlichen Zahl von Flächen ist.) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite.”

Das Buch mit den unendlich vielen, unendlich dünnen Seiten: unser Smartphone/Tablet mit unendlich vielen Wesites? Das Blatt in der Mitte ohne Rückseite: unser Display?

Im Anhang lese ich die Anmerkungen: “(…) zu den genannten Eigenschaften, die in der Fußnote aufgezählt werden, kommt noch eine besonders bedrohliche hinzu: Als der Erzähler beim Versuch, den ungeheuerlichen Band loszuwerden, an Feuer denkt, schrickt er zurück, da ja bei der Verbrennung eines aus unendlich vielen Blättern bestehenden Buchs unendliche Mengen von Rauch freiwerden müssen, die den Planeten ersticken würden.”

Ist es möglich, dass die digitale Überlagerung und Durchdringung der Realität ein derartiges Ausmaß annehmen könnte, dass Ihre Zerstörung gleichsam the end of the world as we know it bedeuten würde?
Anders gesagt: Schrecken wir vor der Zerstörung all unserer Geräte/Internetzugänge zurück, weil dies gleichzeitig das Ende unserer digitalen Identität, unseres virtuellen Lebens bedeuten würde?

Die Antwort überlasse ich jedem selbst.

Kreativwirtschaft – die Branche der Zukunft

Gestern fand im Mainfrankentheater das 6. Würzburger Wirtschaftsforum zum Thema “Chef, lass uns mal Kultur machen” statt. Hätte ich nicht rein zufällig am Samstag einen Flyer in die Hände bekommen, hätte ich von diesem Umstand wahrscheinlich überhaupt keine Notiz genommen. Und so ging es wohl auch den allermeisten anderen Menschen in Würzburg und anderswo, denn der große Saal der Mainfrankentheaters, der ja einige hundert Besucher hätte beherbergen können, sah von Anfang bis Ende, also von 15.30 bis 22.00 Uhr, recht verwaist aus, waren es doch am Anfang gerade mal 15, gegen Ende vielleicht 30 lauschende Gäste. Eine traurige Veranstaltung, wirklich. Dabei hat man offensichtlich im Vorfeld mit Hilfe mehrerer Sponsoren nicht eben wenig Geld in dieses Event gebuttert. Aber auf die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, das publikumswirksame Marketing, wurde augenscheinlich nicht sehr viel Energie verwendet. Ein erschreckendes Beispiel dafür, wie eine Veranstaltung, bzw. ein Veranstaltungsteam, das sich groß “Wirtschaft” auf die Fahne schreibt, große Mittel von verschiedenster Seite zur Verfügung gestellt bekommt und diese großartig in den Sand setzt. Das hätte sich mal eine “Design”-Veranstaltung leisten sollen (Ich bin übrigens sehr gespannt auf das Voco Designfest am kommenden Wochenende!).

Dabei war die thematische Ausrichtung durchaus ambitioniert und interessant, ging es doch hier nicht nur um “Kultur” im Sinne von “Kunst”, und Kultur im Sinne von Unternehmenskultur, sondern auch – und daher für mich so interessant – um die “Kultur- und Kreativwirtschaft”. Unter diesem Begriff wird seit einigen Jahren alles gesammelt, was man heute als “kreative Berufe” bezeichnet, also neben bildenden Künstlern auch Musiker, Journalisten, Illustratoren, Mode-, Industrie- und natürlich auch Grafikdesigner, aber auch Berufe in Marketing, PR und Werbung, sowie Programmierung. Dementsprechend fällt auch mein Büro eindeutig in diesen Wirtschaftsbereich.

Die Diskussionsrunden waren leider durch eine große Harmonie aller Teilnehmer sowie der Moderatoren geprägt und daher einigermaßen langweilig. Dennoch konnte ich einige wichtige Anregungen und Impulse mit nach Hause nehmen. Am wichtigsten war für mich vor allem die Erkenntnis, dass die Kreativwirtschaft laut der aktuellen Statistik der Bundesregierung mit 1,3 Mio Menschen mittlerweile der drittstärkste Wirtschaftszweig in Deutschland ist, gleich hinter der Chemie- und Automobilindustrie – Tendenz zu Platz zwei! In Bayern ist die Kreativbranche bereits auf dem ersten Platz!

Die Kreativwirtschaft ist damit die Branche der Zukunft, das zeigt sich auch im Hinblick auf die steigenden Umsatzzahlen in diesem Bereich trotz der allgemeinen Rezession in Zeiten der Krise. Das gibt Mut und schafft Selbstbewusstsein. Die Unternehmen aus den übrigen Branchen täten gut daran, die bis heute immer noch unterschätzten und mit großen Ressentiments behafteten Kreativunternehmen ernst zu nehmen. Dieser Zug ist im Rollen und man sollte ihn lieber nicht verpassen. Zukunft, wir kommen!

Wer sich das Programm und die Teilnehmer noch einmal ansehen möchte: http://www.cundc.org/wisy2010blog/

Textile Moulded Chair

Für alle Freunde und Besessene von Designstühlen und -sesseln ist der Textile Moulded Chair ein absolutes muss. Nicht nur das spacige Design, auch die innovative Materialität und Produktionsweise machen diesen Sessels für mich schon jetzt zu einem Klassiker. Und noch dazu sieht er ziemlich gemütlich aus, finde ich. Leider habe ich keinen Schimmer, wo man das schöne Stück käuflich erwerben kann. Meine Email diesbezüglich ist bisher unbeantwortet geblieben. Wahrscheinlich sind die Jungs zu sehr damit beschäftigt, Preise einzuheimsen und knallharte Knebelverträge mit vitra zu schließen.

Es gibt im Moment zwei Websites:
http://www.studiohausen.com/
http://preview2.studiohausen.com/

GO SMART 2012: ALWAYS-IN-TOUCH

Studie zur Smartphonenutzung 2012, die das Trendbüro für Google und die Otto Group durch geführt hat: Smartphones verhelfen Mobile Shopping zum Durchbruch im Massenmarkt!
Hier downloaden