Wollt ihr das totale Bild?

Via Smartphone produzieren und konsumieren Menschen heute Bilder in nie gekanntem Ausmaß und mit immer höherer Geschwindigkeit. Schnell ein Foto mit dem Smartphone machen und gleich über Instagram, Facebook und Twitter teilen oder via Whatsapp den Freunden schicken. Gerade Plattformen wie Pinterest und Youtube machen deutlich, welch immensen Stellenwert Bilder – und Videos als bewegte Form des Bildes – im Web besitzen. Aber auch in den anderen sozialen Netzwerken sind Fotos und Videos die Inhalte, die am häufigsten geteilt werden und Meme verbreiten sich via 4chan wie Lauffeuer über den ganzen Erdball.

Das Diktat der Interessanz

Die Ursachen hierfür sieht Sascha Lobo in den beiden grundlegenden Kriterien, nach denen die Sozialen Medien funtionieren: Einfachheit und „Interessanz“. Entgegen den traditionellen Medien zählt in den sozialen Netzwerken nicht mehr dieRelevanz eines Themas (Wie wichtig ist diese Meldung?). Die Frage lautet vielmehr: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle (teile/empfehle)? Dabei wird deutlich: Nichts ist so einfach zu erfassen und gleichzeitig so interessant wie ein Bild.

Die Welt der Bilder

Susan Sontag untersuchte bereits in ihrem 1978 erschienen Essay „Die Bilderwelt“ das Phänomen der massenhaften Produktion und Konsumption von Bildern. Es lohnt sich, einen Blick auf Ihre Erkenntnisse zu werfen und ihre Relevanz bezüglich der heutigen Situation zu prüfen. 

Bereits im 19. Jahrhundert, so Sontag, stellte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach fest, dass unsere Epoche das Bild dem Ding vorziehe, die Kopie dem Original. Im 20. Jahrhundert sei diese Klage zu der allgemein anerkannten Diagnose gereift, dass eine  Gesellschaft „modern“ werde, „wenn eine ihrer Hauptaktivitäten das Produzieren und Konsumieren von Bildern ist“. Sonntag versucht nun in der Folge das Wesen und den Charakter von Bildern zu ergründen und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft zu analysieren.

Fotografieren als Besitzergreifung

In primitiven Gesellschaften fand und findet bis heute keine Unterscheidung zwischen dem Bild und dem realen Gegenstand statt. Beide sind unterschiedliche Manifestationen ein und derselben Energie. Dadurch ist es zum Beispiel im Voodoo möglich, einem Menschen zu schaden, indem man eine Puppe, also ein Abbild dieses Menschen, malträtiert. Der Prozess des Bildermachens ist somit ein magischer Vorgang: man stellt ein Surrogat des realen Gegenstandes, der realen Person her. Gleichzeitig ergreift man Besitz von diesem Gegenstand oder dieser Person. In einigen Stämmen Afrikas ist noch heute die Vorstellung verbreitet, dass eine Fotografie dem Fotografierten die Seele raubt. Dieses Besitzergreifen ist für Sontag ein ganz wesentlicher Aspekt auch der modernen Produktion und Konsumption von Fotografien. Es ist die Logik des Kapitalismus, die dem Bildermachen und Bilderschauen innewohnt.

Fotografie und Wirklichkeit

Die Bevorzugung des Bildes vor dem Realen hat – so Sontag – ihre Ursache in der Aufweichung und Dekonstruktion des Wirklichkeitsbegriffs, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Diese Komplexifizierung der Wirklichkeit schafft ein Bedürfnis nach Vereinfachung, das am leichtesten durch das Bildermachen gestillt werden kann. In unserem immer komplexeren, entmaterialisierten digitalen Alltag wächst auch das Bedürfnis nach bildhafter Vereinfachung, jedoch: „Unser niederdrückendes Gefühl der Flüchtigkeit aller Dinge hat sich nur noch verstärkt, seit uns die Kamera die Möglichkeit gegeben hat, den flüchtigen Augenblick zu „Fixieren“.“

Überwachung und Selbstüberwachung

Als Sontag ihren Essay schrieb, brachte gerade die neue Videotechnologie eine neue Dimension der Bildherstellung mit sich: „Eine der Auswirkungen der neuesten Kameratechnologie besteht darin, dass noch mehr von dem, was im privaten Bereich mit Hilfe der Kamera entsteht, für narzistische Zwecke verfügbar gemacht wird – das heißt für den Zweck der Selbstüberwachung.“ Dies klingt nahezu prophetisch, hält man sich vor Augen, in welchem Maße solche narzistischen Produkte heute auf Youtube, Youporn und anderen Plattformen (je nach Charakter des Inhalts) für die Öffentlichkeit verfügbar sind. Und während Sontag noch schreibt, dass „der potentielle Einsatz der Video-Technik zur Überwachung des öffentlichen Lebens“ noch von weit größerer Tragweite sei, müssen wir feststellen, dass diese Unterscheidung heute beinahe obsolet geworden ist. Wo Menschen ihr Privatestes freiwillig für jedermann zugänglich machen, sind kaum noch weitere Überwachungsmaßnahmen notwendig.

Eine neue Diktatur

Doch was ist der Grund für diese freiwillige Selbstüberwachung? Sontag schreibt 1978: „Mag sein, dass die Zukunft eine andere Art von Diktatur bringt, deren beherrschende Idee „das Interessante“ ist und in der alle möglichen Bilder, ob klischeehaft oder exzentrisch, wuchern.“ Es scheint als wären wir in dieser Zukunt bereits angekommen. Willkommen also im Social Web – der Diktatur der Interessanz!

iPhone 5 und das Verschwinden des Realen

Beim iPhone musste ich schon immer an Stanley Kubrick´s „2001 – A Space Odyssey“ denken. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Science Fiction Klassiker von 1968 ein glatter schwarzer Monolith. Die Ähnlichkeit sprang mir schon beim iPhone 4 ins Auge, doch mit dem iPhone 5 ist diese noch frappierender geworden. Denn wo das iPhone 4/4s noch einen erhabenen Metallrahmen besaß, ist beim iPhone 5 nur noch glatte, schwarze Fläche.

Der Monolith in der Hosentasche

Das Auftauchen des Monolithen vollzieht sich in „2001“ erstmals in grauer Vorzeit. Im ersten Akt „The Dawn of Man“ sieht man eine Gruppe von Frühmenschen in der afrikanischen Savanne. Ihr Alltag bedeutet täglich den Kampf ums nackte Überleben. Eines Tages erwacht die Sippe neben einem schwarzen Monolithen, der über Nacht plötzlich mitten in ihrem Lager steht. Zaghaft und ängstlich berühren diese frühen Menschen die glatte Oberfläche des Monolithen. Es ist nicht klar, was der Monolith zu bedeuten hat und wozu er dient, doch er bewirkt eine Bewusstseinsveränderung bei den Menschen.

Wenig später kommt einer der Menschen beim Anblick eines ausgebleichten Knochens auf die Idee, diesen als Werkzeug – oder auch als Waffe – zu benutzen. Dies ist der Anfang von technologischer Entwicklung und Innovation, aber auch von Krieg und Zerstörung. Der Mensch lebt fortan nicht mehr in der Natur, sondern von der Natur. Das Auftauchen des Monolithen markiert eine radikale Veränderung im Bewusstsein des Menschen und damit im Verhältnis zu seiner Umwelt.

Was hat das nun mit dem iPhone in unserer Hosentasche zu tun? Die Frage muss lauten: Welche Bewusstseinsveränderung markiert das Erscheinen des iPhones?

Apfel vom Baum der Erkenntnis

Das iPhone, als das prototypische Smartphone, hat unser Leben in entscheidender Weise verändert. Mit seinem erstmaligen Auftauchen 2007 setzte der Prozess ein, den wir heute als Augmented Reality kennen: die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle. Vorher sprach man von Virtual Reality und sah bereits darin die Gefahr des Realitätsverlusts. Doch die Virtual Reality war an den Computer gekettet. Auf der Straße gab es keine Virtualität. Das Smartphone hat das Virtuelle hingegen von diesen Fesseln befreit und damit dessen Allgegenwart ermöglicht. Wir berühren die glatte Oberfläche des Monolithen und es vollzieht sich eine Veränderung in unserem Verhälnis zur Welt. Wir leben nicht mehr in der Welt, wir lesen nur noch von ihr.

Jahrtausende später bei Kubrick: Die hoch technologisierte Menschheit hat in der bemannten Raumfahrt ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Auf dem Mond entdeckt ein Forscherteam einen schwarzen Monolithen, der Signale zum Jupiter sendet. Auf der anschließenden Expedition zum Jupiter gerät die Technik außer Kontrolle: der Supercompuer HAL 9000, der mit allmächtiger Fürsorge alle Funktionen des Space Shuttles steuert, beginnt ein unberechenbares Eigenleben zu entwickeln und tötet schließlich beinahe alle Besatzungsmitglieder.

Der Leichnam des Realen

Auch wir begeben uns heute immer mehr in die allmächtige Fürsorge der Supercomputer, die mittels mobiler Devices immer weitreichendere Lebensbereiche für uns steuern. Die Frage ist: Wollen uns die Smartphones töten?

Davon ist nicht auszugehen. Dennoch birgt die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle große Gefahren. Es sei hier zum wiederholten Male der französische Philosoph Jean Baudrillard zitiert. Ich habe diese Thematik bereits ausführlich in meinem Artikel „Google Project Glass und das perfekte Verbrechen“ behandelt.

Baudrillard schreibt: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“ Niemand wird hier getötet, auch die Realität ist nicht tot (Baudrillard bezieht sich hier auf Nietzsches Zitat: „Gott ist tot.“). Nein: sie ist einfach verschwunden. Darin liegt für Baudrillard das perfekte Verbrechen.

Technologie des Verschwindens

In einem frühen Testbericht über das iPhone 5 auf http://thenextweb.com bemerkt der Autor Matthew Panzarino sehr treffend: „The iPhone is closer than ever to disappearing.“ Das iPhone 5 verschwindet beinahe, aber nicht, berichtigt Panzarino, im Sinne des Aussterbens, sondern im Sinne des Nicht-auffallen-wollens. Es wurde alles getan, um es so weit wie möglich aus unserer Wahrnehmung auszublenden. Das neue iPhone ist leichter, dünner und visuell noch reduzierter, sodass es kaum noch wahrnehmbar ist und mit unserer Handfläche förmlich verschmilzt.

Die Geräte verschwinden, und mit ihnen verschwindet mehr und mehr die Grenze zwischen dem Realen und dem Virtuellen. Je transparenter das Interface, desto schwerer wird es sein, Realität und Virtualität voneinander zu trennen. Doch was bleibt, wenn das Reale nicht mehr auffindbar ist?

Das Leben als Text

Der französische Philosoph Jaques Derrida entwickelte bereits in den 1960er Jahren seine sprachphilosophische Methode der Dekonstruktion, mit der er jedes Phänomen, jeden potentiellen Bedeutungsträger – letztlich das ganze Leben – als Text betrachtete und untersuchte:

„Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere.“

So absurd dies seinen Zeitgenossen vor fünfzig Jahren erschienen sein mag, so präzise scheint Derrida mit seinen Annahmen die heutige Wirklichkeit zu beschreiben. Wenn das Reale verschwindet, ins Virtuelle abgleitet, so ist alles virtuell. Das Virtuelle aber ist nichts anderes als ein Text: der Hypertext. Durch die massive Verbreitung von Smartphones und seiner damit einhergehenden Allgegenwart ist das Virtuelle im wörtlichen Sinne der Hypertext – der “Übertext” – unseres Lebens geworden, der sich über die reale Welt legt.

Wenn also das Reale – wie Baudrillard schreibt – verschwindet, so bleibt nur dieser Text zurück. Fortan bleibt uns nur, zu lesen.

Die Faulheit als die tatsächliche Wahrheit des Users

Schwarzer Quader auf schwarzem Grund

Kürzlich ist mir wieder ein Text in die Hände gefallen, mit dem ich mich vor einigen Jahren im Rahmen meiner Diplomarbeit auseinandergesetzt hatte. Ich beschäftigte mich damals mit den theoretischen Grundlagen der modernen Arbeitsgesellschaft und recherchierte nach ideologischen Gegenmodellen in Geschichte und Gegenwart. Dabei stieß ich auf einen Text des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch (1879-1935). Sein bekanntestes Werk ist sicherlich das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“(1915), mit dem Malewitsch den Suprematismus begründete und die damalige Kunstwelt auf den Kopf stellte. Der Aufsatz trägt den Titel „Die Faulheit als die tatsächliche Wahrheit der Menschheit“ (1921).

Darin beschreibt Malewitsch seine Idee vom Sozialismus. Seine Kernthese: Die Arbeit ist nur ein Instrument zum Erreichen des tatsächlichen Idealzustands des Menschen – und dieser Zustand ist das Nichtstun. Ausführlich erläutert er, dass der Müßiggang der Urzustand des Menschen ist, den dieser auch wieder zu erreichen sucht. Mehr noch: Alles im Universum strebt letztlich dem Zustand der Ruhe entgegen. Die Faulheit, so die These, ist eine kosmische Wahrheit.

Malewitsch war begeisterter Kommunist und als solcher davon überzeugt, dass der technologische Fortschritt die Menschheit von ihren Leiden erlösen würde. Daraus leitet er seine Vision einer Zukunft ab, in der die Maschinen dem Menschen mehr und mehr die Arbeit abnehmen, und der Mensch so seiner „tatsächlichen Wahrheit“, dem kosmischen Zustand des Nichtstuns, immer näher kommt.

Darin war Malewitsch natürlich alles andere als konform mit der marxistisch-leninistischen Lehre, die die Arbeit ebenso zum Ideal erhebt, wie das die protestantische Arbeitsethik getan hatte, die damit die Grundlagen des modernen Kapitalismus schuf. Doch Malewitsch befindet sich dabei in guter Gesellschaft unter anderem mit Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, der mit seinem Traktat „Das Recht auf Faulheit“ (1883) für hitzige Debatten am Familientisch gesorgt haben dürfte.

Sieht man sich vor diesem Hintergrund Malewitsch´ „Schwarzes Quadrat“ und andere Arbeiten aus der Kernphase seines suprematistischen Schaffens an, so erkennt man die zentrale Stellung dieser Idee für sein Werk, nach der alles im Universum dem Zustand der Ruhe entgegenstrebt. Durch die maximale Reduktion optischer Reize in Farbe und Form wird im Schwarzen Quadrat (und mehr noch im „Weißen Quadrat auf weißem Grund“) ein Zustand der Ruhe und der Stille erzielt.

1922 verfasst Malewitsch eine Abhandlung mit dem Titel “Suprematismus — Die gegenstandslose Welt oder das befreite Nichts”, in der er die theoretische Basis seines künstlerischen Schaffens noch einmal breit ausführt. Es geht Malewitsch um eine Abkehr von gegenständlichen Darstellungsformen, hin zu einer reinen Form, die für ihn reine „Empfindung“ (vielleicht auch „reinen Gedanken“?) bedeutet.

Mit Sicherheit war das nicht Malewitsch´ Intention, und womöglich würde er sich im Grabe herumdrehen, aber ich wage die Behauptung, dass sich in Malewitsch´ Auffassung von visueller Gestaltung einerseits und in seinen Überlegungen zum menschlichen Wesen andererseits, bereits skizzenhaft die Prinzipien von Ergonomie und Usability erkennen lassen. Denn der Gedanke, es dem Menschen so einfach und angenehm wie möglich zu machen, ist das ureigenste Prinzip der Usability. Und die Reduktion der gestalterischen Mittel im Sinne des reinen Gedankens in der reinen Form ist heute die grundlegende Methode in allen Gestaltungsdisziplinen.

Im Produktdesign hat die Grundmaxime der Usability bereits ein lange Tradition. Ob es nun um Schalensitze, Bohrmaschinen oder Pürierstäbe geht: das Prinzip der Einfachheit und der optimalen Handhabbarkeit – und somit die Anpassung der zu gestaltenden Produkte und Maschinen an den menschlichen Bewegungsapparat – steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt von Produktgestaltung und Industriedesign.

Die vergleichsweise junge Disziplin des User Interface Design nimmt seine Anfänge mit der Entwicklung der ersten „Graphical User Interfaces“ (GUI) Mitte der Achziger Jahre. Seitdem gibt es eine Alternative zur Kontrollzeile, eine graphische Oberfläche, die die Kommunikation zwischen Computerarbeiter und Computer erleichtert. Und damit nimmt das Prinzip der Ergonomie, oder Usability, auch Einzug in die visuelle Gestaltung.

Seither beschäftigen sich immer mehr Interface Designer, Konzeptioner und Informationsarchitekten damit, Computerprogramme, Webseiten, Onlineshops,  Smartphones, Navigationsgeräte, Controlpanels für Maschinen – kurz: alles, was auf einem Bildschirm stattfindet – noch einfacher, benutzerfreundlicher, intuitiver zu gestalten.

„Keep it simple“ heißt die Maxime: gerade in den letzten Jahren geht der Trend weg von den großen Anwendungen mit vielen Funktionalitäten (und daher komplex in der Bedienung), hin zu einfachen Apps und Widgets, die ihren Fokus auf nur eine oder wenige Funktionen richten, dadurch aber einfach zu bedienen sind.

Begünstigt wird diese Simplifizierung zusätzlich durch die neuen technischen Möglichkeiten berührungssensitiver Displays: Multitouch. Durch die Einbeziehung von Gesten wird nun eine neue Form der Interaktion möglich, die auch neue Anforderungen an das Interface stellt: das Graphical User Interface (GUI) wird zu einem „Natural User Interface“ (NUI). In diesem Namen steckt bereits wieder die Grundidee der Ergonomie, nämlich die Anpassung – in diesem Falle des Interfaces – an die natürlichen Bedingungen des menschlichen Bewegungsapparates.

Auf Malewitsch zurückgeführt, könnte man also behaupten, dass die Menschheit ihrer tatsächlichen Wahrheit, der Faulheit, im Sinne von Ergonomie und Usability Stück für Stück näher kommt. Die Maschinen übernehmen immer mehr Tätigkeiten, die früher der Mensch verrichten musste. Sie sind immer einfacher und unter immer weniger (oder gar keinem) Kraftaufwand zu bedienen. Und durch die Vereinfachung der Interfaces wird auch die kognitive Anstrengung des Menschen immer weiter reduziert.

Interessant ist auch, dass sowohl die Geräte, als auch die Interfaces immer gegenstandsloser werden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist hier natürlich wieder einmal Apples iPhone 4. Bei den Interfaces werden vor allem im Netz die Layouts immer cleaner, und Buttons – vor wenigen Jahren noch durch Glas-Optik und andere Effekte dreidimensionalisiert und vergegenständlicht – sind nur noch plane Farbflächen. Das „befreite Nichts“, die gegenstandslose Welt, die Malewitsch 1922 beschwor, ist in einem gewissen Maße – zumindest in der digitalen Welt – durchaus Realität geworden. Die reine Form gibt dem reinen Gedanken – der Funktion – Ausdruck.

Begreifen wir Malewitsch´ künstlerisches Werk als grafische Umsetzung eines userzentierten Theorems, so haben wir in seinen suprematistischen Arbeiten vielleicht die Prototypen für das Natural User Interface von morgen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kasimir_Sewerinowitsch_Malewitsch

http://de.wikipedia.org/wiki/Suprematismus

http://www.dissense.de/nt/malevich.html

http://www.kunstinfrankfurt.de/MalewitschLayout.html

http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

Google Project Glass und das perfekte Verbrechen

Die Aufregung um Googles „Cyberbrille“, wie sie populärerweise genannt wird, hat sich für´s erste wieder gelegt. Aber die Brille mit integrierter Kamera und Display, die dem Träger ständige Zusatzinformationen zum aktuell Gesehenen zeigt, bleibt ein heißes Thema. Es wird sogar bereits an „Cyber-Kontaktlinsen“ geforscht. Hier scheint Augmented Reality, die „erweiterte Realität“, also tatsächlich die Kinderschuhe abzustreifen und unabhängig von lästigen QR Codes und anderen Prothesen ihr eigenes Leben zu beginnen. Was da passiert, ist die nächste Stufe, Web X.0, or whatever. Social Media, Mobile Marketing oder ortsbezogene Webanwendungen wie Foursquare et al, sehen daneben aus wie aus dem letzten Jahrtausend.

Wir sind in der Zukunft angekommen. Science Fiction ist das, was heute passiert. Denn wenn Google es mit dieser Brille tatsächlich schafft, alle heute verfügbaren Webdienste zu kombinieren mit einer Software, die auf eine uferlose Bilddatenbank zurückgreifen kann, um jederzeit orts- und objektbezogene Informationen abzurufen und gleichzeitig die multimediale Kommunikation zu steuern, dann verändert das grundlegend die Art, wie wir die Welt wahrnehmen.

Die Welt mit neuen Augen sehen

Vor kurzem habe ich einen alten Freund besucht. Sein Lebenskonzept hat so gut wie nichts mit der digitalen Welt zu tun. Er ist gerade dabei, einen Hof aufzuziehen, um dort ein Stück Land ökologisch zu bewirtschaften und selbstversorgermäßig zu leben.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass das digitale Leben, die Art zu kommunizieren und Daten zu produzieren und zu verarbeiten, ihm Angst macht. Denn die Art, wie wir kommunizieren, wird natürlich massiv verändert durch die Digitalisierung der Kommunikation, ergo Social Media. Und gleichzeitig ist es eben die Wahrnehmung der Welt, die sich extrem wandelt.

Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen schon jetzt den überwiegenden Teil ihrer Wach-Zeit vor verschiedenen Displays verbringen. Dass sich dadurch die Wahrnehmnung und das Bewusstsein verändert, ist nur folgerichtig. Wenn – oft bemühtes Beispiel – Stadtkinder Tiere und Pflanzen nur noch von Bildschirmen kennen, dann ist das eine massive Einschränkung. Es ist offensichtlich, dass zur menschlichen Wahrnehmung nicht nur visuelle, sondern auch audielle, olfaktorische und haptische Reize beitragen. Darüber hinaus aber ist der Körper als Ganzes ein Organ der Wahrnehmung. Wenn ich durch eine Sommerwiese renne, oder in einen Gebirgssee springe, dann ist das eine körperliche Erfahrung. Und eben diese originären Erfahrungen zu machen, genau das ist es, was im digitalen Leben unmöglich ist.

Nun kann man die Google Brille unter diesem Gesichtspunkt als eine positive Entwicklung deuten, indem nämlich der Computer-Mensch von den Ketten der Bildschirme und Geräte befreit und wieder in die Lage versetzt wird, echte Erfahrungen zu machen, sein Wahrnehmungsspektrum zu erweitern, ohne auf die Vorzüge der digitalen Welt verzichten zu müssen. Es findet eine Verschmelzung der virtuellen mit der realen Welt statt. Allerdings kommt keine Verschmelzung ohne gewisse Verluste aus. Die reale Welt und die Möglichkeit sie zu erfahren, wird durch die virtuelle Überlagerung (hier im wörtlichen Sinne) immer beschnitten werden. Denn die „Cyberbrille“ ist ja letztlich ein semitransparentes Display, durch das wir die Welt betrachten.

Es hat natürlich immer schon Wendepunkte in der Geschichte gegeben, an denen die Wahrnehmung des Menschen einen grundlegenden Wandel erfahren hat. So hat zum Beispiel die Erfindung der Eisenbahn den Blick des Menschen auf seine Umwelt im 19. Jhdt. radikal verändert. Er entwickelte den sogenannten „panoramatischen Blick“. Und LSD hat in den 1960er Jahren nicht nur das Gehirn derer mutiert, die dieser „bewusstseinserweiternden“ Substanz huldigten, sondern darüber hinaus das Weltbild und die Sehgewohnheiten unserer ganzen Gesellschaft mitbeeinflusst. Vielleicht ist es der Wandel der Sehweisen und der Wahrnehmung, der den Kern jedes Generationenkonfiktes bildet.

Man kann hinsichtlich der „Cyberbrille“ also zwei Positionen gegenüberstellen: Schwappt die reale Welt in die virtuelle hinüber, oder überschwemmt die virtuelle Welt die reale nun vollends? Was dabei herauskommt, ist möglicherweise in beiden Fällen das, was Jean Baudrillard als „Das perfekte Verbrechen“ bezeichnet hat: die Vernichtung der Realität.

Die Vernichtung der Realität

Viele werden das für übertrieben halten, und natürlich bedient sich Baudrillard einer sehr polemischen Sprache. Er gehört schließlich zu den Vertretern des französischen Poststrukturalismus und diese sind – wie in den beiden Folgen von Tim Pritloves CRE Podcast zum Thema Poststrukturalismus nachzuhören ist – so etwas wie die Trolle der westlichen Philosophie.

Baudrillard beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Thesen zu Simulation und Hyperrealität. Das hört sich nun ziemlich matrix-mäßig an, doch wenn Baudrillard von der Vernichtung der Realität spricht, so meint er das überhaupt nicht im Sinne der Matrix, denn: „Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt.“

So paradox sich das zunächst liest, so einleuchtend wird Baudrillards These, wenn man sich die Vergleiche mit Information und Kommunikation vor Augen hält. Wenn unsere E-mail-Postfächer täglich mit bis zu 100 Mails (oder mehr?) verstopft werden, während wir gleichzeitig Chats und Foren in sozialen Netztwerken pflegen, über Skype und Twitter kommunizieren und natürlich telefonisch und per SMS erreichbar sind, so kommen wir doch tatsächlich in einen Grenzbereich, in dem das Ende jeder sinnvollen Kommunikation in greifbarer Nähe zu sein scheint. Gleiches gilt für den Overflow an Information, der täglich auf uns einprasselt. Auch hier kommt die Information an einem gewissen Punkt praktisch zum erliegen.

„Rasenden Stillstand“ hat Paul Virilio dieses Phänomen genannt. Und auch Baudrillard geht es um die Beschleunigung, bzw. mehr noch um die Gleichzeitigkeit – die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information: „Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem ,perfektem Verbrechen‘, dessen Opfer die Zeit ist.“

Es ist also die Gleichzeitigkeit aller Orte, aller weltweiten Informationen, die zu einem Übermaß an Realität führt, was letztlich das Verschwinden der Realität zur Folge hat. Angesichts der permanenten virtuellen Überformung der Realiät durch die Google-Brille erscheint das durchaus logisch: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“

Schon vor Jahren hat mir ein Bekannter erzählt, dass er einmal nach tagelangem Pixelschubsen versucht hat, im Supermarkt eine Tomatendose anzuklicken. Und ich selbst wollte beim Besuch eines Basketballspiels schon mal auf „Rewind“ klicken, um mir die letzte Szene nochmal in Zeitlupe anzusehen. Mit der neuen Brille könnte das alles sehr bald Realität werden. Wenn sie bis dahin nicht verschwunden ist, die Realität.

„Wenn wir die Hypothese aufstellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild gibt, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt.“

 

http://www.egs.edu/faculty/jean-baudrillard/articles/das-perfekte-verbrechen/

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard

http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Virilio

http://de.wikipedia.org/wiki/Augmented_Reality

http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Project_Glass

Finanzsystem und Postmoderne

Nochmal Baudrillard : )
Bin ich vor kurzem durch Zufall draufgestoßen: “Das fast perfekte Verbrechen”, ein Podcast von “Bayern 2 Nachtstudio”. Sehr intelligenter und spannender Radio-Essay zur Finanzkrise. Der Autor zeigt in äußerst unterhaltsamer Art und Weise die erstaunlichen Übereinstimmungen zwischen den heute gängigen Geschäftspraktiken der Finanzwelt und den abstrakten Theorien der französischen Denker der Postmoderne auf, wie Baudrillard, Derrida, Virilio und Deleuze. Hochtheoretische Modelle (wie Simulation, Dekonstruktion, Hyperrealität, etc.) denen oft jeglicher Realitätsbezug abgesprochen wird, scheinen hier direkte Anwendung zu finden und die gegenwärtigen Vorgänge in der Finanzwelt treffender zu beschreiben, als die gängigen Wirtschaftstheorien. Kein Wunder, funktioniert die Finanzwirtschaft doch nicht nach den Regeln der Realwirtschaft, sondern gehorcht ihren eigenen Gesetzen – die den Modellen der Postmoderne erstaunlich nahe kommen.

Anhören: hier

Hyperrealität des SuperGAU

Es ist sehr interessant, die gegenwärtigen Ereignisse in Japan und deren Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit im Hinblick auf die Theorie Baudrillards von Simulation und Hyperrealität zu untersuchen. Hier zeigt sich besonders deutlich die ganz reale Macht der Zeichen.

Quelle: de.euronews.net

Baudrillard beschäftigt sich mit der Zeichenhaftigkeit von Dingen und Ereignissen. Er behauptet, dass der Zeichencharakter der Dinge ihr eigentlicher Inhalt geworden ist. So ist beispielsweise „Sushi“ in seiner grundsätzlichen Funktion als kulinarisches Erlebnis heute in der westlichen Gesellschaft überlagert von seiner Nebenfunktion als Zeichen für Urbanität und Hipness. „Sushi“ ist also vorrangig ein Zeichen, ja mehr noch eine Simulation von Urbanität, wenn es etwa in einem Kleinstadtlokal konsumiert wird.

Darüber hinaus werden durch die Simulation Zeichen geschaffen, die realer sind (oder erscheinen) als die Realität selbst – sie sind „hperreal“. Dies wird umso offensichtlicher, wenn man die modernen Medien untersucht, in denen permanent Zeichen geschaffen werden, die uns bald realer vorkommen als unser wirkliches Leben. Was ist also realer: die Fernsehnachrichten, die von einer Hungerkatastrophe in Afrika berichten (Simulation von Hunger), oder das Regal mit Fertiggerichten im Supermarkt, welches selbst als Simulation von Nahrung gesehen werden kann?

Quelle: elhabib.at

So ist auch Fukushima – ebenso wie damals Tschernobyl – von Anfang an Zeichen gewesen. Die beiden Ereignisse verschmelzen in den Medien zu einem Superzeichen, hinter dem das eigentliche Ereignis und die tatsächliche Tragödie zurücktritt. Aktuelle Meldungen aus Japan mischen sich mit Dokumentationen über Tschernobyl, sodass die Vergangenheit die Zukunft schon vorwegnimmt und es zu einer Kernschmelze der Zeiten kommt. „Tschernoshima“ ist zum hyperrealen Zeichen geworden für die unberechenbare atomare Bedrohung, welches die deutsche Regierung zu einem beispiellosen Umschwenken in der Energiepolitik bewog.

Quelle: reyl.de

Der Macht dieses Zeichens haben die Befürworter der Atomkraft nichts entgegenzusetzen. Erschreckend ist dabei nur, dass die Realität vorher keine andere war als jetzt auch. Die Gefahren der Atomenergie sind seit Jahrzehnten bekannt, Störfälle sind seit Harrisburg immer wieder und, wie in Tschernobyl, mit katastrophalen Folgen geschehen. An den Fakten also hat sich nichts geändert.

Quelle: nzz.ch

Was sich geändert hat, ist, dass die Simulation von Sicherheit in Form von Unwahrscheinlichkeiten („Einmal in einer Million Jahre“) zerstört wurde durch Tschernoshima – dieses hyperreale Superzeichen, das realer in unseren Köpfen sitzt als der ganz reale SuperGAU, die Kernschmelze, die ja doch offensichtlich stattfindet. Messwerte, die uns mitteilen, dass die Strahlung an den Reaktoren mittlerweile ca „zehn Millionen Mal höher als der Normalwert“ ist (Sueddeutsche Zeitung, 27.03.2011), sprengen unsere Vorstellungskraft und verabschieden sich in die Sphäre des Mystischen. Computeranimationen, die uns die technischen Details vermitteln sollen, erinnern in ihrer Anmutung an Zeichentrickfilme und kommen damit dem Reich der Fiktion bedenklich nahe. Die Bilder der havarierten Reaktorblöcke scheinen letztlich einem Science Fiction Film entnommen zu sein. Die reale Katastrophe entzieht sich der Realität und macht der Hyperrealität des Superzeichens platz.

Quelle: de.toonpool.com

Diese Hyperrealität ist es, die unsere Rezeption und Diskussion hier in Deutschland bestimmt. Nicht die reale Bedrohung bringt die Regierung zum Kurswechsel, oder die Demonstranten auf die Straße, sondern das übermächtige Zeichen, dem sich niemand widersetzen kann. Kurz gesagt: Veränderungsdruck wird nicht durch reale Ereignisse erzeugt – sondern durch hyperreale Zeichen.

Residenzvorlesungen zum Thema Kreativität

Letzten Donnerstag fand die erste Residenzvorlesung zum Thema Kreativität statt. Wer es noch nicht kennt: die Residenzvorlesungen werden in unregelmäßigen Abständen von der Philosophischen Fakultät der Uni Würzburg im Toskanasaal veranstaltet und sind öffentlich. Nach dem Vortrag gibt es die Möglichkeit, in lockerer Runde bei einem Gläschen Wein weiterzudiskutieren. Für das laufende Semester heißt das große Thema “Kreativität”, zu dem es insgesamt vier Veranstaltungen geben wird.

Zur ersten Vorlesung der Reihe war Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck eingeladen, Wirtschaftswissenschaftler an der FH Würzburg, darüber hinaus aber deutschlandweit bekannt durch zahlreiche, äußerst kritische und durchaus philosophisch ausgerichtete, Publikationen zum Themenspektrum “Wirtschaft und Ethik/Moral”, der seinen Vortrag “Kreativitätsforschung in interdiszilinärer Perspektive” nannte.

Brodbeck gab also hauptsächlich einen Abriss der Geschichte der Kreativitätsforschung, beleuchtete ihre Ursprünge und ihren Werdegang durch die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen (Theologie, Psychologie, Biologie, Neurowissenschaften, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften, etc.) und die damit jeweils einhergehenden Definitionen von Kreativität. Als gemeinsames Merkmal aller Definitionen stellte er dabei folgende Kernthese heraus: Ein kreatives “Produkt” (hier ist er ganz der Wirtschaftler) zeichnet sich dadurch aus, dass es zum einen etwas Neues ist, zum anderen aber zusätzlich eine Wertedimension mitbringt, also vereinfacht gesagt als positiv empfunden wird. Verallgemeinert geht es also zum einen um das “Auffinden” einer Idee, zum anderen aber auch um das “Bewerten” ebendieser.
Statistisch gesehen, so Brodbeck, brauche es 175 Ideen, bevor es zur Erzeugung eines einzigen marktfähigen Produktes kommt. Diese Bewertung der Idee spielt also eine wichtige Rolle und entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Allein mit dem “zufälligen” Auffinden (denn Ideen “macht” man nicht, sie kommen zu einem) ist es also lange nicht getan. Man muss die richtige Idee auch erkennen, also richtig bewerten können. Eine andere Sache wird hier auch deutlich, die Brodbeck ganz klar herausstellt: Kreativität – oder ein kreatives Produkt – ist zu 95% harte Arbeit! Denn es gilt diese Idee auch umzusetzen, zu verwirklichen. Und so hat letztlich jeder Mensch Kreativität in sich, hat Ideen in der einen oder anderen Disziplin. Was diese, als besonders kreativ wahrgenommenen Menschen aber auszeichnet ist ihre Ausdauer, ihre Beharrlichkeit, ja manchmal bis hin zur Besessenheit.

Und noch ein wichtiger Punkt: Kreativität überschreitet Grenzen! Denn sonst kann schließlich nichts wirklich Neues entstehen. Diese Grenzüberschreitung ist unabdingbar für jede Art von Kreativität.

Hier die Termine der Vorlesungsreihe:

Wintersemester 2010/11: “Kreativität – nicht nur in der Kunst”

18.11.2010
Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck (Würzburg u. Gröbzell):
Kreativitätsforschung in interdiszilinärer Perspektive

2.12.2010
Prof. Dr. Damian Dombrowski (Würzburg):
Imagination und Invention in der Malerei Botticellis.
Kategorien des Kreativen in der Florentiner Renaissance.

16.12.2010
Prof. Dr. Manfred Spitzer (Uni Ulm):
Gehirnforschung und die Kreativität.

3.02.2011
Prof. Dr. Simone Mahrenholz (Berlin):
Imagination und Kreativität.

jeweils 20.00 Uhr im Toskanasaal der Residenz

Androiden lieben lernen

Wunderbarer Podcast (hier downloaden) über Alan N. Shapiro (Zündfunk, Bayern2)! “Der Amerikaner Alan N. Shapiro ist Technologe und Zukunftsforscher auf den Grundlagen von Philosophie und Soziologie. Als Programmierer fordert er eine neue soziologische und ästhetische Bewertung von Software, um die Menschheit auf phantastische Weise weiterzubringen: Software sollte lernfähig und autonom sein. Autos zum Beispiel sind für Shapiro schon intelligent und haben ein Bewusstsein, aber könnten mit neuen Technologien wie sprachliche Konversation und Animation auf ein neues Level gehoben werden. Dabei lässt er sich von der TV- und Kinofilmserie “Star Trek” inspirieren, über die er sein Hauptwerk geschrieben hat: “Star Trek: Technologien des Verschwindens”

Für die vertiefte Lektüre, hier Shapiros Blog:
http://www.alan-shapiro.com/