Sascha Lobo und das mobile Aleph

Die Veranstalter der MainIT leisteten sich dieses Jahr Sascha Lobo als Headliner für ihre kleine Hausmesse. Skeptisch aufgrund des zweifelhaften Rufes desselben einerseits und der recht biederen Anmutung des Veranstaltungsplakats andererseits, machte ich mich gestern doch auf, den deutschen Web-Papst in Augenschein zu nehmen und mich im schlimmsten Falle ein bischen bespaßen und bepöbeln zu lassen, wie ich es schon bei Lobos früheren Vorträgen via Podcast gesehen hatte.

Hier schon mal eine Bewertung vorweg: Lobo ist bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. Als Dampfplauderer verschrien, überzeugte er mich durch genaue Beobachtungen von Einzelphänomenen, die er durch intelligente Thesen in einen größeren Zusammenhang brachte. Sein Vortrag war nicht die reine Selbstdarstellung und Eigenvermarktung, die ihm gerne vorgeworfen wird, stattdessen lieferte er haarscharfe Analysen, die den Themenkomplex aus der Perspektive des Kulturwissenschaftlers beleuchteten. Rhetorisch mit allen Wassern gewaschen nahm er durch hier und da eingestreutes Understatement (“Ich kenn mich da ja viel schlechter aus als viele andere Leute”) jede Kritik vorweg – was natürliche eine gute Masche ist.

Lobo präsentierte sich also in gewohnter Redegewandtheit und Unterhaltsamkeit, kam nach einer einleitenden Anekdote bezüglich seiner Anreise (Taxi Halle-Würzburg = 450€) aber schnell zum Punkt: „Wie das Netz die Welt verändert – vom Kontrollverlust bis zur Digitalen Gesellschaft“, so der recht populistische Titel seiner Keynote. Was dann folgte war aber weit mehr als ein bischen Palaver über Digital Natives und Leben in der Cloud und Facebook und Twitter und Google+. Vielmehr analysierte Lobo die Prinzipien, nach denen soziale Netzwerke funktionieren, was sicherlich nichts absolut Neues zu Tage förderte, aber gewisse Dinge aus dem kommunikations- und kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet noch einmal exakt auf den Punkt brachte.

So stellte er zunächst die “Einfachheit” als absolutes Erfolgskriterium im Web heraus, was sich am prominentesten an den Produkten von Apple und Google nachvollziehen lässt. Was nun im Web 2.0 hinzu kommt – und das unterscheidet es von allen anderen Medien – das ist die (von Lobo so getaufte) “Interessanz”. Während in den alten Medien Relevanz das absolute Kriterium darstellt ( was also auf die Titelseite kommt), das wird bei Google & Co abgelöst von der Interessanz, also dem, was den Usern interessant erscheint. Die Kombination von Beidem, “Einfachheit” und “Interessanz”, bildet ergo das absolute Erfolgskriterium für das Social Web: die “Weitererzählbarkeit”. Die entscheidende Frage lautet also: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle? Denn nicht mehr “Clicks”, sondern “Likes” sind die neue Währung im Web, nichts anderes also als eine Empfehlung, die ja schon immer die beste Werbung war.

Dann wendet sich Sascha Lobo der Frage zu, wie das Web tatsächlich “unser Leben verändert”. Zahlen, wie die durchschnittliche monatliche Anzahl der SMS eines weiblichen amerikanischen Teenagers (4050) verdeutlichen, wie sehr die digitale Kommunikation unseren Alltag verändert. Er spricht hier (ausnahmsweise) von den “Digital Natives”, die zu jeder Zeit und an jedem Ort alle ihre Freunde in der Tasche dabei haben – in Form ihres Smartphones. Was sie somit außerdem immer verfügbar haben ist eine “digitale Schicht”, so Lobo, die man jederzeit über die reale Welt legen kann.
Das meint natürlich zunächst, dass ich jederzeit alle Informationen aus dem Netz abrufen kann, im Prinzip also die ganze Welt in der Tasche habe. Er zieht hier den überraschenden, wie beeindruckenden Vergleich zu einer phantastischen Erzählung des argentinischen Autors Jorge Louis Borges (1899-1986, Begründer des Magischen Realismus): “Das Aleph”. In dieser Geschichte geht es um einen Punkt im Keller eines alten Hauses, in dem jeder Ort des Universums enthalten ist. Das Smartphone, so Lobo ist also nichts anderes als ein “mobiles Aleph”.

Dann zeigt er Beispiele von Apps, die das Thema Augmented Reality auf eine neue Stufe heben. Lifestreams, in denen per Texterkennung und Übersetzungsprogramm Schriftzüge in Echtzeit retuschiert werden. Lifestreams, aus denen in Echtzeit Gegenstände und Personen retuschiert werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Realität muss hier noch einmal neu gestellt werden. Es zeigt sich hier auch auf drastische und besonders plakative Weise, wie sehr unser Leben vom Digitalen, die Realität von der Virtualität überlagert wird. Diese permanente und exponentiell wachsende digitale Überlagerung der Realität gepaart mit den Bestrebungen der Artificial Intelligence lässt Gedanken (hier bin ich mal ein wenig populistisch) an die Matrix aufkommen. Die realistischere Zukunftsperspektive aber – und hier folge ich Alan N. Shapiro – ist Star Trek: Holodecks und Androiden scheinen mittlerweile mehr “Science” als “Fiction” zu sein.

Bei Lobos Vergleich des Smartphones mit dem “Aleph” kam mir eine andere Erzählung Borges´ in den Sinn. Borges beschäftigte sich in seinen Texten oft mit dem Phänomen der Unendlichkeit, so auch in “Die Bibliothek von Babel”. Es geht darin um eine Bibliothek, die beschrieben wird mit Gängen, Galerien und Treppen. Aber sie hat die Besonderheit, dass sie gleichzeitig das Universum darstellt und somit unendlich ist. Es gibt kein Buch, das sich zweimal findet, aber es gibt Kommentare zu den Büchern und Kommentare zu den Kommentaren. Die Welt – ein einziger Text. Eine unendliche Datenmenge. Die Analogie ist verblüffend: Facebook, Twitter, Google+. Das Internet.

In der Fußnote auf der letzten Seite heißt es: “Letizia Álvarez de Toledo hat angemerkt, daß die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (Cavalieri sagte zu Anfang des 17. Jahrhunderts, daß jeder feste Körper die Überlagerung einer unendlichen Zahl von Flächen ist.) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite.”

Das Buch mit den unendlich vielen, unendlich dünnen Seiten: unser Smartphone/Tablet mit unendlich vielen Wesites? Das Blatt in der Mitte ohne Rückseite: unser Display?

Im Anhang lese ich die Anmerkungen: “(…) zu den genannten Eigenschaften, die in der Fußnote aufgezählt werden, kommt noch eine besonders bedrohliche hinzu: Als der Erzähler beim Versuch, den ungeheuerlichen Band loszuwerden, an Feuer denkt, schrickt er zurück, da ja bei der Verbrennung eines aus unendlich vielen Blättern bestehenden Buchs unendliche Mengen von Rauch freiwerden müssen, die den Planeten ersticken würden.”

Ist es möglich, dass die digitale Überlagerung und Durchdringung der Realität ein derartiges Ausmaß annehmen könnte, dass Ihre Zerstörung gleichsam the end of the world as we know it bedeuten würde?
Anders gesagt: Schrecken wir vor der Zerstörung all unserer Geräte/Internetzugänge zurück, weil dies gleichzeitig das Ende unserer digitalen Identität, unseres virtuellen Lebens bedeuten würde?

Die Antwort überlasse ich jedem selbst.

Designwerkstatt 2011 _ Review

Nun ist sie schon seit einer Woche vorbei und ich komme endlich dazu, hier ein paar Gedanken und Eindrücke zur Designwerkstatt 2011 niederzuschreiben.
Am Montag, 07.03. trafen sich 11 junge Interessenten für den Studiengang Kommunikationsdesign am Fachbereich Gestaltung der FH Würzburg, um sich eine Woche lang einen Eindruck von diesem Studium zu verschaffen. Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Nutt leitete ich diese Veranstaltung, wir konzipierten im Vorfeld die Lehrinhalte und den organisatorischen Ablauf.

Ziel dieser Schnupperwoche war es, wie schon erwähnt, einen Eindruck von den Studieninhalten zu vermitteln und so entschlossen wir uns, zum Einen einige theoretische Grundlagen zu schaffen und zum Anderen ein Thema zu stellen, das auf Basis des Erlernten praktisch bearbeitet werden sollte.

Zum Theorieteil sei nur soviel erwähnt, dass wir die Teilnehmer in die Grundlagen der Semiotik einführten, sie also mit der Lehre von den Zeichen bekannt machten und Ihnen Termini wie “Ikon, Index, Symbol” und “Konnotation und Denotation” auseinandersetzten. Desweiteren beschäftigten wir uns mit phänomenologischen Überlegungen zur menschlichen Wahrnehmung
und beschrieben einen in mehrere Phasen gegliederten Kreativprozess. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Vorbereitung auf den Praxisteil waren auch die Erläuterungen zur konzeptionellen Arbeitsweise und Reflexion im Gestaltungsprozess.

Der praktische Teil begann mit der Themenstellung und dem anschließenden gemeinsamen Brainstorming. Das gestellte Thema hieß “Alternativlos!?”. Zur Wahl dieses Themas hier ein paar kurze Erläuterungen:

Der Begriff wurde im Januar 2011 von der „Gesellschaft für deutsche Sprache” zum „Unwort des Jahres 2010” gekürt. Anlass hierfür war die häufige Verwendung des Wortes seitens Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie anderer Mitglieder der Bundesregierung zur Rechtfertigung ihrer Politik.

„Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungs­prozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.” (Zitat der Jury-Entscheidung)

Die Untersuchung dieses Begriffs hinsichtlich seiner Bedeutung im Kontext gesellschaftlicher, sozialer, ökologischer und kultureller Zusammenhänge führte die Kursteilnehmer aufgrund ihrer persönlichen Präferenzen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Allen Arbeiten ist jedoch gemein, dass sie sich mit den Grundfragen der modernen Gesellschaft auseinander setzen, die zum Teil aufgrund der jüngsten Ereignisse frappierende Aktualität gewannen.

Nach der Ideenfindung entschieden sich die Teilnehmer für die grafische oder die fotografische Bearbeitung des Themas und wurden dementsprechend von mir oder von Thomas Nutt betreut. Es ging jedoch unabhängig vom Medium stets um eine reduzierte Darstellung und um eine konzeptorientierte Visualisierung der inhaltlichen Idee. Einer abstrakten Idee eine visuelle Form zu verleihen und dadurch einen Sachverhalt auf überraschende Weise sichtbar zu machen – das ist die Aufgabe des Kommunikationsdesigners, der Kern unserer Arbeit.

Die Designwerkstatt 2011 war auch für mich als Kursleiter eine tolle Erfahrung und ich freue mich schon auf 2012. Besonders wertvoll war es für mich, meine Erfahrung mit jungen angehenden Gestaltern teilen zu können und die Entwicklung der einzelnen Teilnehmer mitzuverfolgen, von anfänglicher Verunsicherung hin zu freudigem Selbstbewusstsein. Es sind in dieser Woche tolle Arbeiten entstanden und den Teilnehmern wurde mit der konzeptionellen Arbeitsweise ein wichtiges Werkzeug an die Hand gegeben, das ihnen bei der Erstellung ihrer Bewerbungsmappe sehr von Nutzen sein wird.

(Fotos: Thomas Nutt)

Designwerkstatt vom 07. bis 12. März

In der zweiten Märzwoche leite ich gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Nutt die “Designwerkstatt” am Fachbereich Gestaltung der FH Würzburg. Hier ein Auszug des Textes von der Website:

“Die Designwerkstatt bietet allen, die sich für ein Designstudium an einer Hochschule oder an einer Akademie interessieren, einen 5-tägigen Workshop zum Thema “Visuelle Kommunikation” an. Darin geht es um Erfahren, Begreifen und Anwenden von verschiedenen Gestaltungstechniken, Sensibilisierung der Wahrnehmung und des analytischen Sehens.

Durch eine intensive, praktische und theoretische Auseinandersetzung lernen die Teilnehmer ihre Qualifikation für das Designstudium kennen und werden in den Gestaltungsprozess eingeführt.
Außerdem bietet der Kurs eine Orientierung über die verschiedenen gestalterischen Arbeitsfelder an.

Die Kursteilnehmer durchlaufen innerhalb einer Woche ein kompaktes “Mini-Studium”, das anhand kleiner Projekte die Vielschichtigkeit, die Anforderungen und die Qualität des Berufs aufzeigt.

Die Leitung des Kurses wird von erfahrenen Designern übernommen, die neben der inhaltlichen und praktischen Vermittlung gestaltungsrelevanter Aspekte auch ihre beruflichen Erfahrungen mit einbringen.

Die Anmeldung für die Designwerkstatt erfolgt über das Sekretariat der Fakultät Gestaltung der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt.”

Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
Fakultät Gestaltung
Münzstr 12
97070 Würzburg

Telefon: 0931 3511-206
Telefax: 0931 3511-329

design@fh-wuerzburg.de

Weitere Informationen direkt auf der Website:
http://gestaltung.fh-wuerzburg.de/

Anmeldeschluss ist der 28.02.2011, also beeilen!

VOCO-Designfest & 56. TDC-SHOW NY an der Sander-Uni

Wie in diesem Blog angekündigt, fand am vergangenen Wochenende das VOCO Designfest in Würzburg statt. Eine tolle Veranstaltung mit Referenten von internationalem Rang und dazu eine Ausstellung von ebensolcher Qualität. Schwierig, hier alles wiederzugeben. Das absolute Highlight war mit Sicherheit der Vortrag des renommierten iranischen Grafikdesigners Reza Abedini, der nicht nur einen Einblick in seine Arbeit gab, sondern im Zuge dessen auch die theoretischen Grundlagen arabischer Kalligraphie und arabischer Kunst und Gestaltung im Allgemeinen analysierte.

Eine besondere politische Wendung nahm die Veranstaltung bei den Vorträgen von Prof. Alex Jordan (Nous Travaillons Ensembles / Kunsthochschule Berlin Weißensee) und von Daniel van de Velden (Metahaven, Amsterdam), der am Ende seines Vortrags über das Designprojekt für Wikileaks aus aktuellem Anlass – nämlich der Verfolgung des Wikileaks-Gründers Julian Assange durch Interpol aus recht fadenscheinigen Gründen – direkt zu politischer Aktion aufrief.

Eine wirklich begeisternde Veranstaltung mit vielen guten Vorträgen und noch mehr guten Gesprächen, die in der Party im Pleicher Hof einen fulminanten Abschluss fand. Die Ausstellung ist noch bis zum 11.12. in der Neuen Uni am Sanderring zu sehen, der Eintriit ist frei. Unbedingt ansehen!

Kreativwirtschaft – die Branche der Zukunft

Gestern fand im Mainfrankentheater das 6. Würzburger Wirtschaftsforum zum Thema “Chef, lass uns mal Kultur machen” statt. Hätte ich nicht rein zufällig am Samstag einen Flyer in die Hände bekommen, hätte ich von diesem Umstand wahrscheinlich überhaupt keine Notiz genommen. Und so ging es wohl auch den allermeisten anderen Menschen in Würzburg und anderswo, denn der große Saal der Mainfrankentheaters, der ja einige hundert Besucher hätte beherbergen können, sah von Anfang bis Ende, also von 15.30 bis 22.00 Uhr, recht verwaist aus, waren es doch am Anfang gerade mal 15, gegen Ende vielleicht 30 lauschende Gäste. Eine traurige Veranstaltung, wirklich. Dabei hat man offensichtlich im Vorfeld mit Hilfe mehrerer Sponsoren nicht eben wenig Geld in dieses Event gebuttert. Aber auf die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, das publikumswirksame Marketing, wurde augenscheinlich nicht sehr viel Energie verwendet. Ein erschreckendes Beispiel dafür, wie eine Veranstaltung, bzw. ein Veranstaltungsteam, das sich groß “Wirtschaft” auf die Fahne schreibt, große Mittel von verschiedenster Seite zur Verfügung gestellt bekommt und diese großartig in den Sand setzt. Das hätte sich mal eine “Design”-Veranstaltung leisten sollen (Ich bin übrigens sehr gespannt auf das Voco Designfest am kommenden Wochenende!).

Dabei war die thematische Ausrichtung durchaus ambitioniert und interessant, ging es doch hier nicht nur um “Kultur” im Sinne von “Kunst”, und Kultur im Sinne von Unternehmenskultur, sondern auch – und daher für mich so interessant – um die “Kultur- und Kreativwirtschaft”. Unter diesem Begriff wird seit einigen Jahren alles gesammelt, was man heute als “kreative Berufe” bezeichnet, also neben bildenden Künstlern auch Musiker, Journalisten, Illustratoren, Mode-, Industrie- und natürlich auch Grafikdesigner, aber auch Berufe in Marketing, PR und Werbung, sowie Programmierung. Dementsprechend fällt auch mein Büro eindeutig in diesen Wirtschaftsbereich.

Die Diskussionsrunden waren leider durch eine große Harmonie aller Teilnehmer sowie der Moderatoren geprägt und daher einigermaßen langweilig. Dennoch konnte ich einige wichtige Anregungen und Impulse mit nach Hause nehmen. Am wichtigsten war für mich vor allem die Erkenntnis, dass die Kreativwirtschaft laut der aktuellen Statistik der Bundesregierung mit 1,3 Mio Menschen mittlerweile der drittstärkste Wirtschaftszweig in Deutschland ist, gleich hinter der Chemie- und Automobilindustrie – Tendenz zu Platz zwei! In Bayern ist die Kreativbranche bereits auf dem ersten Platz!

Die Kreativwirtschaft ist damit die Branche der Zukunft, das zeigt sich auch im Hinblick auf die steigenden Umsatzzahlen in diesem Bereich trotz der allgemeinen Rezession in Zeiten der Krise. Das gibt Mut und schafft Selbstbewusstsein. Die Unternehmen aus den übrigen Branchen täten gut daran, die bis heute immer noch unterschätzten und mit großen Ressentiments behafteten Kreativunternehmen ernst zu nehmen. Dieser Zug ist im Rollen und man sollte ihn lieber nicht verpassen. Zukunft, wir kommen!

Wer sich das Programm und die Teilnehmer noch einmal ansehen möchte: http://www.cundc.org/wisy2010blog/

2. Kammerkonzert: Arnold Schönberg

Eines meiner musikalischen Langzeitprojekte ist die langsame Annäherung an die klassische Musik. Als jemand, der eindeutig aus der schwarzen Ecke/Jazzecke kommt, war es für mich anfänglich absolut unmöglich, mich intellektuell mit dieser typisch “weißen” Musik auseinanderzusetzen. Letztlich habe ich über die Beschäftigung mit elektronischer Musik (die meiner Ansicht nach – im besten Fall – die aktuelle und als solche zukunftsweisende Synthese aus afrikanischen und europäischen musikalischen Traditionen ist) und – als weiteren Schritt – mit “Neuer Musik” einen gewissen Zugang zur klassischen Musik bekommen. Der Besuch einiger Sinfoniekonzerte in der Musikhochschule (Rachmaninoff wird mir hier in ewiger Erinnerung bleiben) hat mich erfahren lassen, was den Dirigenten Sergiu Celibidache dazu veranlasste, sich strikt gegen die Aufzeichnung seiner Konzerte zu stellen (es gibt glücklicherweise dennoch einige Aunahmen): Klassische Musik muss man live erleben! Es ist nicht möglich auf Platte zu pressen oder digital einzufangen und später im heimischen Wohnzimmer abzuspielen, was es für ein Gefühl ist, in einem Konzertsaal von einem Orchester mitgerissen zu werden. Das ist nicht nur ein Hörerlebnis, es ist ein körperliches!
Gestern habe ich daher einen neuen Schritt gewagt und bin zu meinem ersten Kammerkonzert im Toskanasaal der Residenz gegangen. Arnold Schönberg stand auf dem Programm, also einer der Väter, wenn nicht DER Vater der Neuen Musik, Erfinder der Zwölftontechnik (Mehr über Arnold Schönberg hier). Seine “Kammersinfonie in E-Dur, op.9″ löste 1906 einen Skandal aus, im Toskanasaal blieb es ruhig, vielleicht weil man am Sonntag Morgen um 11 Uhr noch nicht zu Tumult in der Lage war. Nach der Pause folgte “Pierrot Lunaire”, eine Vertonung von 21 Gedichten Albert Girauds von 1912. Der strahlende Sonnenschein, der um 12 Uhr mittags aus dem Residenzgarten hereindrang, wollte nicht so recht zu den düsteren Zeilen passen, aber dennoch: ein Klangerlebnis der anderen Art!

Residenzvorlesungen zum Thema Kreativität

Letzten Donnerstag fand die erste Residenzvorlesung zum Thema Kreativität statt. Wer es noch nicht kennt: die Residenzvorlesungen werden in unregelmäßigen Abständen von der Philosophischen Fakultät der Uni Würzburg im Toskanasaal veranstaltet und sind öffentlich. Nach dem Vortrag gibt es die Möglichkeit, in lockerer Runde bei einem Gläschen Wein weiterzudiskutieren. Für das laufende Semester heißt das große Thema “Kreativität”, zu dem es insgesamt vier Veranstaltungen geben wird.

Zur ersten Vorlesung der Reihe war Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck eingeladen, Wirtschaftswissenschaftler an der FH Würzburg, darüber hinaus aber deutschlandweit bekannt durch zahlreiche, äußerst kritische und durchaus philosophisch ausgerichtete, Publikationen zum Themenspektrum “Wirtschaft und Ethik/Moral”, der seinen Vortrag “Kreativitätsforschung in interdiszilinärer Perspektive” nannte.

Brodbeck gab also hauptsächlich einen Abriss der Geschichte der Kreativitätsforschung, beleuchtete ihre Ursprünge und ihren Werdegang durch die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen (Theologie, Psychologie, Biologie, Neurowissenschaften, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften, etc.) und die damit jeweils einhergehenden Definitionen von Kreativität. Als gemeinsames Merkmal aller Definitionen stellte er dabei folgende Kernthese heraus: Ein kreatives “Produkt” (hier ist er ganz der Wirtschaftler) zeichnet sich dadurch aus, dass es zum einen etwas Neues ist, zum anderen aber zusätzlich eine Wertedimension mitbringt, also vereinfacht gesagt als positiv empfunden wird. Verallgemeinert geht es also zum einen um das “Auffinden” einer Idee, zum anderen aber auch um das “Bewerten” ebendieser.
Statistisch gesehen, so Brodbeck, brauche es 175 Ideen, bevor es zur Erzeugung eines einzigen marktfähigen Produktes kommt. Diese Bewertung der Idee spielt also eine wichtige Rolle und entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Allein mit dem “zufälligen” Auffinden (denn Ideen “macht” man nicht, sie kommen zu einem) ist es also lange nicht getan. Man muss die richtige Idee auch erkennen, also richtig bewerten können. Eine andere Sache wird hier auch deutlich, die Brodbeck ganz klar herausstellt: Kreativität – oder ein kreatives Produkt – ist zu 95% harte Arbeit! Denn es gilt diese Idee auch umzusetzen, zu verwirklichen. Und so hat letztlich jeder Mensch Kreativität in sich, hat Ideen in der einen oder anderen Disziplin. Was diese, als besonders kreativ wahrgenommenen Menschen aber auszeichnet ist ihre Ausdauer, ihre Beharrlichkeit, ja manchmal bis hin zur Besessenheit.

Und noch ein wichtiger Punkt: Kreativität überschreitet Grenzen! Denn sonst kann schließlich nichts wirklich Neues entstehen. Diese Grenzüberschreitung ist unabdingbar für jede Art von Kreativität.

Hier die Termine der Vorlesungsreihe:

Wintersemester 2010/11: “Kreativität – nicht nur in der Kunst”

18.11.2010
Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck (Würzburg u. Gröbzell):
Kreativitätsforschung in interdiszilinärer Perspektive

2.12.2010
Prof. Dr. Damian Dombrowski (Würzburg):
Imagination und Invention in der Malerei Botticellis.
Kategorien des Kreativen in der Florentiner Renaissance.

16.12.2010
Prof. Dr. Manfred Spitzer (Uni Ulm):
Gehirnforschung und die Kreativität.

3.02.2011
Prof. Dr. Simone Mahrenholz (Berlin):
Imagination und Kreativität.

jeweils 20.00 Uhr im Toskanasaal der Residenz

Webmontag in Würzburg am 15.11.2010

Am 15. November, 19.00 Uhr, findet der Webmontag in der Bürogemeinschaft Frankfurter Fuenf (Frankfurter Straße 5) statt. Bin selbst gespannt auf die Vorträge…
Infos unter http://webmontag.de/location/wuerzburg/index

VOCO-Designfest & 56. TDC-SHOW NY in Würzburg!


Am 03./04.12.10 findet – veranstaltet vom Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Würzburg – das Voco-Designfest in Kombination mit der 56. Ausstellung des Type Directors Club New York statt. An den beiden Tagen finden Workshops, Vorträge und Diskussionen mit namhaften internationalen Vertretern des Grafikdesign statt. Die Wanderausstellung des TDC NY, der alljährlich seine Wettbewerbsgewinner um die Welt schickt, wird noch bis zum 11.12.10 in der Neuen Universität am Sanderring zu sehen sein. Nicht verpassen!
Infos unter www.voco-designfest.com und unter tdc.org.

DERE:10 mit Stefan Sagmeister

Meine lieben Freunde aus Regensburg veranstalten auch dieses Jahr wieder die “Grafikdesignschau Regensburg”, diesmal mit dem Designpapst Stefan Sagmeister aus New York! Am 6. November, also kommendes Wochenende wird Sagmeister einen Vortrag zum Thema “Design and Happiness” halten. Ist natürlich leider schon ausverkauft, aber wer sich zufälligerweise in Regensburg aufhält, sollte sich trotzdem die Ausstellung nicht entgehen lassen, die vom 05. bis 21.11. im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg zu sehen sein wird.
Weitere Infos unter www.grafikdesignschau.de.