Wollt ihr das totale Bild?

Via Smartphone produzieren und konsumieren Menschen heute Bilder in nie gekanntem Ausmaß und mit immer höherer Geschwindigkeit. Schnell ein Foto mit dem Smartphone machen und gleich über Instagram, Facebook und Twitter teilen oder via Whatsapp den Freunden schicken. Gerade Plattformen wie Pinterest und Youtube machen deutlich, welch immensen Stellenwert Bilder – und Videos als bewegte Form des Bildes – im Web besitzen. Aber auch in den anderen sozialen Netzwerken sind Fotos und Videos die Inhalte, die am häufigsten geteilt werden und Meme verbreiten sich via 4chan wie Lauffeuer über den ganzen Erdball.

Das Diktat der Interessanz

Die Ursachen hierfür sieht Sascha Lobo in den beiden grundlegenden Kriterien, nach denen die Sozialen Medien funtionieren: Einfachheit und „Interessanz“. Entgegen den traditionellen Medien zählt in den sozialen Netzwerken nicht mehr dieRelevanz eines Themas (Wie wichtig ist diese Meldung?). Die Frage lautet vielmehr: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle (teile/empfehle)? Dabei wird deutlich: Nichts ist so einfach zu erfassen und gleichzeitig so interessant wie ein Bild.

Die Welt der Bilder

Susan Sontag untersuchte bereits in ihrem 1978 erschienen Essay „Die Bilderwelt“ das Phänomen der massenhaften Produktion und Konsumption von Bildern. Es lohnt sich, einen Blick auf Ihre Erkenntnisse zu werfen und ihre Relevanz bezüglich der heutigen Situation zu prüfen. 

Bereits im 19. Jahrhundert, so Sontag, stellte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach fest, dass unsere Epoche das Bild dem Ding vorziehe, die Kopie dem Original. Im 20. Jahrhundert sei diese Klage zu der allgemein anerkannten Diagnose gereift, dass eine  Gesellschaft „modern“ werde, „wenn eine ihrer Hauptaktivitäten das Produzieren und Konsumieren von Bildern ist“. Sonntag versucht nun in der Folge das Wesen und den Charakter von Bildern zu ergründen und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft zu analysieren.

Fotografieren als Besitzergreifung

In primitiven Gesellschaften fand und findet bis heute keine Unterscheidung zwischen dem Bild und dem realen Gegenstand statt. Beide sind unterschiedliche Manifestationen ein und derselben Energie. Dadurch ist es zum Beispiel im Voodoo möglich, einem Menschen zu schaden, indem man eine Puppe, also ein Abbild dieses Menschen, malträtiert. Der Prozess des Bildermachens ist somit ein magischer Vorgang: man stellt ein Surrogat des realen Gegenstandes, der realen Person her. Gleichzeitig ergreift man Besitz von diesem Gegenstand oder dieser Person. In einigen Stämmen Afrikas ist noch heute die Vorstellung verbreitet, dass eine Fotografie dem Fotografierten die Seele raubt. Dieses Besitzergreifen ist für Sontag ein ganz wesentlicher Aspekt auch der modernen Produktion und Konsumption von Fotografien. Es ist die Logik des Kapitalismus, die dem Bildermachen und Bilderschauen innewohnt.

Fotografie und Wirklichkeit

Die Bevorzugung des Bildes vor dem Realen hat – so Sontag – ihre Ursache in der Aufweichung und Dekonstruktion des Wirklichkeitsbegriffs, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Diese Komplexifizierung der Wirklichkeit schafft ein Bedürfnis nach Vereinfachung, das am leichtesten durch das Bildermachen gestillt werden kann. In unserem immer komplexeren, entmaterialisierten digitalen Alltag wächst auch das Bedürfnis nach bildhafter Vereinfachung, jedoch: „Unser niederdrückendes Gefühl der Flüchtigkeit aller Dinge hat sich nur noch verstärkt, seit uns die Kamera die Möglichkeit gegeben hat, den flüchtigen Augenblick zu „Fixieren“.“

Überwachung und Selbstüberwachung

Als Sontag ihren Essay schrieb, brachte gerade die neue Videotechnologie eine neue Dimension der Bildherstellung mit sich: „Eine der Auswirkungen der neuesten Kameratechnologie besteht darin, dass noch mehr von dem, was im privaten Bereich mit Hilfe der Kamera entsteht, für narzistische Zwecke verfügbar gemacht wird – das heißt für den Zweck der Selbstüberwachung.“ Dies klingt nahezu prophetisch, hält man sich vor Augen, in welchem Maße solche narzistischen Produkte heute auf Youtube, Youporn und anderen Plattformen (je nach Charakter des Inhalts) für die Öffentlichkeit verfügbar sind. Und während Sontag noch schreibt, dass „der potentielle Einsatz der Video-Technik zur Überwachung des öffentlichen Lebens“ noch von weit größerer Tragweite sei, müssen wir feststellen, dass diese Unterscheidung heute beinahe obsolet geworden ist. Wo Menschen ihr Privatestes freiwillig für jedermann zugänglich machen, sind kaum noch weitere Überwachungsmaßnahmen notwendig.

Eine neue Diktatur

Doch was ist der Grund für diese freiwillige Selbstüberwachung? Sontag schreibt 1978: „Mag sein, dass die Zukunft eine andere Art von Diktatur bringt, deren beherrschende Idee „das Interessante“ ist und in der alle möglichen Bilder, ob klischeehaft oder exzentrisch, wuchern.“ Es scheint als wären wir in dieser Zukunt bereits angekommen. Willkommen also im Social Web – der Diktatur der Interessanz!

Die Bombe und ich

Jetzt ist sie schon fast wieder aus den Medien, die „Bombe von Bonn“, dem aktuellen Tagesgeschehen gewichen, wie so vieles. Und auch aus meinem Alltag hat sie sich größtenteils schon wieder verabschiedet. Geblieben ist eine gewisse Wachsamkeit, wenn ich morgens am Bahnsteig stehe, Gleis 1, da wo die Bombe vor zwei Wochen zündete und doch nicht explodierte. Das Auge wandert noch etwas unruhig umher, auf der Suche nach einer herrenlosen Tasche, nach einer „auffälligen“ Person, was immer das auch heißen mag. Und doch: es legt sich wieder dieser Schleier über unser Leben, der sich Normalität nennt. Es muss ja weitergehen.

Für kurze Zeit war die Realität in unser Leben getreten, gewaltsam, und hat uns wachgerissen. Oder andersherum: Wir wurden plötzlich Teil der medialen Welt, die täglich über unsere Bildschirme flackert, und uns wurde klar: Es gibt sie da draußen, diese Welt voller Terror, Krieg und Leid, und sie ist real – realer vielleicht als unser tägliches Leben, dieses Leben zwischen Tweets, Likes und Posts – diese Simulation, die uns vergessen lässt was dort draußen passiert.

Denn was immer die Motivation der Terroristen ist, und wie sehr ich auch ihre Überzeugungen ablehne, ist es doch unbestreitbar, dass auch hier das Prinzip von Ursache und Wirkung seine Geltung hat. Die rechten Populisten, genauso wie die islamistischen Hassprediger, die beide einen Krieg der Kulturen konstruieren wollen, verschleiern das eigentliche Problem.

Das Problem ist das gigantische Ungleichgewicht auf dieser Erde. Das Problem ist die extreme Armut der vielen, die uns wenigen unseren Reichtum ermöglicht. Das ist der Nährboden in dem die Saat des Terrors Wurzeln schlagen kann. Das Leid und Elend, das wir billigend in Kauf nehmen – um unserer Normalität willen.

Die Bombe macht klar: Wir sind nicht entkoppelt von der Welt da draußen. Nein, wir sind ein Teil der Ereignisse, die rund um diesen Erdball geschehen. Und wir tragen einen Teil der Verantwortung.

iPhone 5 und das Verschwinden des Realen

Beim iPhone musste ich schon immer an Stanley Kubrick´s „2001 – A Space Odyssey“ denken. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Science Fiction Klassiker von 1968 ein glatter schwarzer Monolith. Die Ähnlichkeit sprang mir schon beim iPhone 4 ins Auge, doch mit dem iPhone 5 ist diese noch frappierender geworden. Denn wo das iPhone 4/4s noch einen erhabenen Metallrahmen besaß, ist beim iPhone 5 nur noch glatte, schwarze Fläche.

Der Monolith in der Hosentasche

Das Auftauchen des Monolithen vollzieht sich in „2001“ erstmals in grauer Vorzeit. Im ersten Akt „The Dawn of Man“ sieht man eine Gruppe von Frühmenschen in der afrikanischen Savanne. Ihr Alltag bedeutet täglich den Kampf ums nackte Überleben. Eines Tages erwacht die Sippe neben einem schwarzen Monolithen, der über Nacht plötzlich mitten in ihrem Lager steht. Zaghaft und ängstlich berühren diese frühen Menschen die glatte Oberfläche des Monolithen. Es ist nicht klar, was der Monolith zu bedeuten hat und wozu er dient, doch er bewirkt eine Bewusstseinsveränderung bei den Menschen.

Wenig später kommt einer der Menschen beim Anblick eines ausgebleichten Knochens auf die Idee, diesen als Werkzeug – oder auch als Waffe – zu benutzen. Dies ist der Anfang von technologischer Entwicklung und Innovation, aber auch von Krieg und Zerstörung. Der Mensch lebt fortan nicht mehr in der Natur, sondern von der Natur. Das Auftauchen des Monolithen markiert eine radikale Veränderung im Bewusstsein des Menschen und damit im Verhältnis zu seiner Umwelt.

Was hat das nun mit dem iPhone in unserer Hosentasche zu tun? Die Frage muss lauten: Welche Bewusstseinsveränderung markiert das Erscheinen des iPhones?

Apfel vom Baum der Erkenntnis

Das iPhone, als das prototypische Smartphone, hat unser Leben in entscheidender Weise verändert. Mit seinem erstmaligen Auftauchen 2007 setzte der Prozess ein, den wir heute als Augmented Reality kennen: die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle. Vorher sprach man von Virtual Reality und sah bereits darin die Gefahr des Realitätsverlusts. Doch die Virtual Reality war an den Computer gekettet. Auf der Straße gab es keine Virtualität. Das Smartphone hat das Virtuelle hingegen von diesen Fesseln befreit und damit dessen Allgegenwart ermöglicht. Wir berühren die glatte Oberfläche des Monolithen und es vollzieht sich eine Veränderung in unserem Verhälnis zur Welt. Wir leben nicht mehr in der Welt, wir lesen nur noch von ihr.

Jahrtausende später bei Kubrick: Die hoch technologisierte Menschheit hat in der bemannten Raumfahrt ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Auf dem Mond entdeckt ein Forscherteam einen schwarzen Monolithen, der Signale zum Jupiter sendet. Auf der anschließenden Expedition zum Jupiter gerät die Technik außer Kontrolle: der Supercompuer HAL 9000, der mit allmächtiger Fürsorge alle Funktionen des Space Shuttles steuert, beginnt ein unberechenbares Eigenleben zu entwickeln und tötet schließlich beinahe alle Besatzungsmitglieder.

Der Leichnam des Realen

Auch wir begeben uns heute immer mehr in die allmächtige Fürsorge der Supercomputer, die mittels mobiler Devices immer weitreichendere Lebensbereiche für uns steuern. Die Frage ist: Wollen uns die Smartphones töten?

Davon ist nicht auszugehen. Dennoch birgt die allgegenwärtige Durchdringung des Realen durch das Virtuelle große Gefahren. Es sei hier zum wiederholten Male der französische Philosoph Jean Baudrillard zitiert. Ich habe diese Thematik bereits ausführlich in meinem Artikel „Google Project Glass und das perfekte Verbrechen“ behandelt.

Baudrillard schreibt: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“ Niemand wird hier getötet, auch die Realität ist nicht tot (Baudrillard bezieht sich hier auf Nietzsches Zitat: „Gott ist tot.“). Nein: sie ist einfach verschwunden. Darin liegt für Baudrillard das perfekte Verbrechen.

Technologie des Verschwindens

In einem frühen Testbericht über das iPhone 5 auf http://thenextweb.com bemerkt der Autor Matthew Panzarino sehr treffend: „The iPhone is closer than ever to disappearing.“ Das iPhone 5 verschwindet beinahe, aber nicht, berichtigt Panzarino, im Sinne des Aussterbens, sondern im Sinne des Nicht-auffallen-wollens. Es wurde alles getan, um es so weit wie möglich aus unserer Wahrnehmung auszublenden. Das neue iPhone ist leichter, dünner und visuell noch reduzierter, sodass es kaum noch wahrnehmbar ist und mit unserer Handfläche förmlich verschmilzt.

Die Geräte verschwinden, und mit ihnen verschwindet mehr und mehr die Grenze zwischen dem Realen und dem Virtuellen. Je transparenter das Interface, desto schwerer wird es sein, Realität und Virtualität voneinander zu trennen. Doch was bleibt, wenn das Reale nicht mehr auffindbar ist?

Das Leben als Text

Der französische Philosoph Jaques Derrida entwickelte bereits in den 1960er Jahren seine sprachphilosophische Methode der Dekonstruktion, mit der er jedes Phänomen, jeden potentiellen Bedeutungsträger – letztlich das ganze Leben – als Text betrachtete und untersuchte:

„Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere.“

So absurd dies seinen Zeitgenossen vor fünfzig Jahren erschienen sein mag, so präzise scheint Derrida mit seinen Annahmen die heutige Wirklichkeit zu beschreiben. Wenn das Reale verschwindet, ins Virtuelle abgleitet, so ist alles virtuell. Das Virtuelle aber ist nichts anderes als ein Text: der Hypertext. Durch die massive Verbreitung von Smartphones und seiner damit einhergehenden Allgegenwart ist das Virtuelle im wörtlichen Sinne der Hypertext – der “Übertext” – unseres Lebens geworden, der sich über die reale Welt legt.

Wenn also das Reale – wie Baudrillard schreibt – verschwindet, so bleibt nur dieser Text zurück. Fortan bleibt uns nur, zu lesen.

Die Faulheit als die tatsächliche Wahrheit des Users

Schwarzer Quader auf schwarzem Grund

Kürzlich ist mir wieder ein Text in die Hände gefallen, mit dem ich mich vor einigen Jahren im Rahmen meiner Diplomarbeit auseinandergesetzt hatte. Ich beschäftigte mich damals mit den theoretischen Grundlagen der modernen Arbeitsgesellschaft und recherchierte nach ideologischen Gegenmodellen in Geschichte und Gegenwart. Dabei stieß ich auf einen Text des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch (1879-1935). Sein bekanntestes Werk ist sicherlich das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“(1915), mit dem Malewitsch den Suprematismus begründete und die damalige Kunstwelt auf den Kopf stellte. Der Aufsatz trägt den Titel „Die Faulheit als die tatsächliche Wahrheit der Menschheit“ (1921).

Darin beschreibt Malewitsch seine Idee vom Sozialismus. Seine Kernthese: Die Arbeit ist nur ein Instrument zum Erreichen des tatsächlichen Idealzustands des Menschen – und dieser Zustand ist das Nichtstun. Ausführlich erläutert er, dass der Müßiggang der Urzustand des Menschen ist, den dieser auch wieder zu erreichen sucht. Mehr noch: Alles im Universum strebt letztlich dem Zustand der Ruhe entgegen. Die Faulheit, so die These, ist eine kosmische Wahrheit.

Malewitsch war begeisterter Kommunist und als solcher davon überzeugt, dass der technologische Fortschritt die Menschheit von ihren Leiden erlösen würde. Daraus leitet er seine Vision einer Zukunft ab, in der die Maschinen dem Menschen mehr und mehr die Arbeit abnehmen, und der Mensch so seiner „tatsächlichen Wahrheit“, dem kosmischen Zustand des Nichtstuns, immer näher kommt.

Darin war Malewitsch natürlich alles andere als konform mit der marxistisch-leninistischen Lehre, die die Arbeit ebenso zum Ideal erhebt, wie das die protestantische Arbeitsethik getan hatte, die damit die Grundlagen des modernen Kapitalismus schuf. Doch Malewitsch befindet sich dabei in guter Gesellschaft unter anderem mit Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, der mit seinem Traktat „Das Recht auf Faulheit“ (1883) für hitzige Debatten am Familientisch gesorgt haben dürfte.

Sieht man sich vor diesem Hintergrund Malewitsch´ „Schwarzes Quadrat“ und andere Arbeiten aus der Kernphase seines suprematistischen Schaffens an, so erkennt man die zentrale Stellung dieser Idee für sein Werk, nach der alles im Universum dem Zustand der Ruhe entgegenstrebt. Durch die maximale Reduktion optischer Reize in Farbe und Form wird im Schwarzen Quadrat (und mehr noch im „Weißen Quadrat auf weißem Grund“) ein Zustand der Ruhe und der Stille erzielt.

1922 verfasst Malewitsch eine Abhandlung mit dem Titel “Suprematismus — Die gegenstandslose Welt oder das befreite Nichts”, in der er die theoretische Basis seines künstlerischen Schaffens noch einmal breit ausführt. Es geht Malewitsch um eine Abkehr von gegenständlichen Darstellungsformen, hin zu einer reinen Form, die für ihn reine „Empfindung“ (vielleicht auch „reinen Gedanken“?) bedeutet.

Mit Sicherheit war das nicht Malewitsch´ Intention, und womöglich würde er sich im Grabe herumdrehen, aber ich wage die Behauptung, dass sich in Malewitsch´ Auffassung von visueller Gestaltung einerseits und in seinen Überlegungen zum menschlichen Wesen andererseits, bereits skizzenhaft die Prinzipien von Ergonomie und Usability erkennen lassen. Denn der Gedanke, es dem Menschen so einfach und angenehm wie möglich zu machen, ist das ureigenste Prinzip der Usability. Und die Reduktion der gestalterischen Mittel im Sinne des reinen Gedankens in der reinen Form ist heute die grundlegende Methode in allen Gestaltungsdisziplinen.

Im Produktdesign hat die Grundmaxime der Usability bereits ein lange Tradition. Ob es nun um Schalensitze, Bohrmaschinen oder Pürierstäbe geht: das Prinzip der Einfachheit und der optimalen Handhabbarkeit – und somit die Anpassung der zu gestaltenden Produkte und Maschinen an den menschlichen Bewegungsapparat – steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt von Produktgestaltung und Industriedesign.

Die vergleichsweise junge Disziplin des User Interface Design nimmt seine Anfänge mit der Entwicklung der ersten „Graphical User Interfaces“ (GUI) Mitte der Achziger Jahre. Seitdem gibt es eine Alternative zur Kontrollzeile, eine graphische Oberfläche, die die Kommunikation zwischen Computerarbeiter und Computer erleichtert. Und damit nimmt das Prinzip der Ergonomie, oder Usability, auch Einzug in die visuelle Gestaltung.

Seither beschäftigen sich immer mehr Interface Designer, Konzeptioner und Informationsarchitekten damit, Computerprogramme, Webseiten, Onlineshops,  Smartphones, Navigationsgeräte, Controlpanels für Maschinen – kurz: alles, was auf einem Bildschirm stattfindet – noch einfacher, benutzerfreundlicher, intuitiver zu gestalten.

„Keep it simple“ heißt die Maxime: gerade in den letzten Jahren geht der Trend weg von den großen Anwendungen mit vielen Funktionalitäten (und daher komplex in der Bedienung), hin zu einfachen Apps und Widgets, die ihren Fokus auf nur eine oder wenige Funktionen richten, dadurch aber einfach zu bedienen sind.

Begünstigt wird diese Simplifizierung zusätzlich durch die neuen technischen Möglichkeiten berührungssensitiver Displays: Multitouch. Durch die Einbeziehung von Gesten wird nun eine neue Form der Interaktion möglich, die auch neue Anforderungen an das Interface stellt: das Graphical User Interface (GUI) wird zu einem „Natural User Interface“ (NUI). In diesem Namen steckt bereits wieder die Grundidee der Ergonomie, nämlich die Anpassung – in diesem Falle des Interfaces – an die natürlichen Bedingungen des menschlichen Bewegungsapparates.

Auf Malewitsch zurückgeführt, könnte man also behaupten, dass die Menschheit ihrer tatsächlichen Wahrheit, der Faulheit, im Sinne von Ergonomie und Usability Stück für Stück näher kommt. Die Maschinen übernehmen immer mehr Tätigkeiten, die früher der Mensch verrichten musste. Sie sind immer einfacher und unter immer weniger (oder gar keinem) Kraftaufwand zu bedienen. Und durch die Vereinfachung der Interfaces wird auch die kognitive Anstrengung des Menschen immer weiter reduziert.

Interessant ist auch, dass sowohl die Geräte, als auch die Interfaces immer gegenstandsloser werden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist hier natürlich wieder einmal Apples iPhone 4. Bei den Interfaces werden vor allem im Netz die Layouts immer cleaner, und Buttons – vor wenigen Jahren noch durch Glas-Optik und andere Effekte dreidimensionalisiert und vergegenständlicht – sind nur noch plane Farbflächen. Das „befreite Nichts“, die gegenstandslose Welt, die Malewitsch 1922 beschwor, ist in einem gewissen Maße – zumindest in der digitalen Welt – durchaus Realität geworden. Die reine Form gibt dem reinen Gedanken – der Funktion – Ausdruck.

Begreifen wir Malewitsch´ künstlerisches Werk als grafische Umsetzung eines userzentierten Theorems, so haben wir in seinen suprematistischen Arbeiten vielleicht die Prototypen für das Natural User Interface von morgen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kasimir_Sewerinowitsch_Malewitsch

http://de.wikipedia.org/wiki/Suprematismus

http://www.dissense.de/nt/malevich.html

http://www.kunstinfrankfurt.de/MalewitschLayout.html

http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

Google Project Glass und das perfekte Verbrechen

Die Aufregung um Googles „Cyberbrille“, wie sie populärerweise genannt wird, hat sich für´s erste wieder gelegt. Aber die Brille mit integrierter Kamera und Display, die dem Träger ständige Zusatzinformationen zum aktuell Gesehenen zeigt, bleibt ein heißes Thema. Es wird sogar bereits an „Cyber-Kontaktlinsen“ geforscht. Hier scheint Augmented Reality, die „erweiterte Realität“, also tatsächlich die Kinderschuhe abzustreifen und unabhängig von lästigen QR Codes und anderen Prothesen ihr eigenes Leben zu beginnen. Was da passiert, ist die nächste Stufe, Web X.0, or whatever. Social Media, Mobile Marketing oder ortsbezogene Webanwendungen wie Foursquare et al, sehen daneben aus wie aus dem letzten Jahrtausend.

Wir sind in der Zukunft angekommen. Science Fiction ist das, was heute passiert. Denn wenn Google es mit dieser Brille tatsächlich schafft, alle heute verfügbaren Webdienste zu kombinieren mit einer Software, die auf eine uferlose Bilddatenbank zurückgreifen kann, um jederzeit orts- und objektbezogene Informationen abzurufen und gleichzeitig die multimediale Kommunikation zu steuern, dann verändert das grundlegend die Art, wie wir die Welt wahrnehmen.

Die Welt mit neuen Augen sehen

Vor kurzem habe ich einen alten Freund besucht. Sein Lebenskonzept hat so gut wie nichts mit der digitalen Welt zu tun. Er ist gerade dabei, einen Hof aufzuziehen, um dort ein Stück Land ökologisch zu bewirtschaften und selbstversorgermäßig zu leben.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass das digitale Leben, die Art zu kommunizieren und Daten zu produzieren und zu verarbeiten, ihm Angst macht. Denn die Art, wie wir kommunizieren, wird natürlich massiv verändert durch die Digitalisierung der Kommunikation, ergo Social Media. Und gleichzeitig ist es eben die Wahrnehmung der Welt, die sich extrem wandelt.

Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen schon jetzt den überwiegenden Teil ihrer Wach-Zeit vor verschiedenen Displays verbringen. Dass sich dadurch die Wahrnehmnung und das Bewusstsein verändert, ist nur folgerichtig. Wenn – oft bemühtes Beispiel – Stadtkinder Tiere und Pflanzen nur noch von Bildschirmen kennen, dann ist das eine massive Einschränkung. Es ist offensichtlich, dass zur menschlichen Wahrnehmung nicht nur visuelle, sondern auch audielle, olfaktorische und haptische Reize beitragen. Darüber hinaus aber ist der Körper als Ganzes ein Organ der Wahrnehmung. Wenn ich durch eine Sommerwiese renne, oder in einen Gebirgssee springe, dann ist das eine körperliche Erfahrung. Und eben diese originären Erfahrungen zu machen, genau das ist es, was im digitalen Leben unmöglich ist.

Nun kann man die Google Brille unter diesem Gesichtspunkt als eine positive Entwicklung deuten, indem nämlich der Computer-Mensch von den Ketten der Bildschirme und Geräte befreit und wieder in die Lage versetzt wird, echte Erfahrungen zu machen, sein Wahrnehmungsspektrum zu erweitern, ohne auf die Vorzüge der digitalen Welt verzichten zu müssen. Es findet eine Verschmelzung der virtuellen mit der realen Welt statt. Allerdings kommt keine Verschmelzung ohne gewisse Verluste aus. Die reale Welt und die Möglichkeit sie zu erfahren, wird durch die virtuelle Überlagerung (hier im wörtlichen Sinne) immer beschnitten werden. Denn die „Cyberbrille“ ist ja letztlich ein semitransparentes Display, durch das wir die Welt betrachten.

Es hat natürlich immer schon Wendepunkte in der Geschichte gegeben, an denen die Wahrnehmung des Menschen einen grundlegenden Wandel erfahren hat. So hat zum Beispiel die Erfindung der Eisenbahn den Blick des Menschen auf seine Umwelt im 19. Jhdt. radikal verändert. Er entwickelte den sogenannten „panoramatischen Blick“. Und LSD hat in den 1960er Jahren nicht nur das Gehirn derer mutiert, die dieser „bewusstseinserweiternden“ Substanz huldigten, sondern darüber hinaus das Weltbild und die Sehgewohnheiten unserer ganzen Gesellschaft mitbeeinflusst. Vielleicht ist es der Wandel der Sehweisen und der Wahrnehmung, der den Kern jedes Generationenkonfiktes bildet.

Man kann hinsichtlich der „Cyberbrille“ also zwei Positionen gegenüberstellen: Schwappt die reale Welt in die virtuelle hinüber, oder überschwemmt die virtuelle Welt die reale nun vollends? Was dabei herauskommt, ist möglicherweise in beiden Fällen das, was Jean Baudrillard als „Das perfekte Verbrechen“ bezeichnet hat: die Vernichtung der Realität.

Die Vernichtung der Realität

Viele werden das für übertrieben halten, und natürlich bedient sich Baudrillard einer sehr polemischen Sprache. Er gehört schließlich zu den Vertretern des französischen Poststrukturalismus und diese sind – wie in den beiden Folgen von Tim Pritloves CRE Podcast zum Thema Poststrukturalismus nachzuhören ist – so etwas wie die Trolle der westlichen Philosophie.

Baudrillard beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Thesen zu Simulation und Hyperrealität. Das hört sich nun ziemlich matrix-mäßig an, doch wenn Baudrillard von der Vernichtung der Realität spricht, so meint er das überhaupt nicht im Sinne der Matrix, denn: „Wenn das Reale verschwindet, bedeutet das nicht, dass es uns daran mangelt, ganz im Gegenteil. Es gibt zu viel vom Realen, alles wird real, und gerade dieses Übermass an Realität setzt der Realität ein Ende, wie auch das Übermass an Information der Information ein Ende setzt, wie auch das Übermass an Kommunikation die Kommunikation zum Scheitern bringt.“

So paradox sich das zunächst liest, so einleuchtend wird Baudrillards These, wenn man sich die Vergleiche mit Information und Kommunikation vor Augen hält. Wenn unsere E-mail-Postfächer täglich mit bis zu 100 Mails (oder mehr?) verstopft werden, während wir gleichzeitig Chats und Foren in sozialen Netztwerken pflegen, über Skype und Twitter kommunizieren und natürlich telefonisch und per SMS erreichbar sind, so kommen wir doch tatsächlich in einen Grenzbereich, in dem das Ende jeder sinnvollen Kommunikation in greifbarer Nähe zu sein scheint. Gleiches gilt für den Overflow an Information, der täglich auf uns einprasselt. Auch hier kommt die Information an einem gewissen Punkt praktisch zum erliegen.

„Rasenden Stillstand“ hat Paul Virilio dieses Phänomen genannt. Und auch Baudrillard geht es um die Beschleunigung, bzw. mehr noch um die Gleichzeitigkeit – die Gleichzeitigkeit der weltweiten Information: „Diese Gleichzeitigkeit aller Orte, aller in einem einzigen Augenblick zusammengefassten Zeitpunkte, hat etwas von einem ,perfektem Verbrechen‘, dessen Opfer die Zeit ist.“

Es ist also die Gleichzeitigkeit aller Orte, aller weltweiten Informationen, die zu einem Übermaß an Realität führt, was letztlich das Verschwinden der Realität zur Folge hat. Angesichts der permanenten virtuellen Überformung der Realiät durch die Google-Brille erscheint das durchaus logisch: „Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.“

Schon vor Jahren hat mir ein Bekannter erzählt, dass er einmal nach tagelangem Pixelschubsen versucht hat, im Supermarkt eine Tomatendose anzuklicken. Und ich selbst wollte beim Besuch eines Basketballspiels schon mal auf „Rewind“ klicken, um mir die letzte Szene nochmal in Zeitlupe anzusehen. Mit der neuen Brille könnte das alles sehr bald Realität werden. Wenn sie bis dahin nicht verschwunden ist, die Realität.

„Wenn wir die Hypothese aufstellen, dass es neben der Welt keinen Platz für ihr Abbild gibt, so kann niemand vorhersehen, wer sich durchsetzen wird, die reale Welt oder ihre völlige Substitution durch das Virtuelle, was nichts anderes bedeutet als das Ende dieser Welt.“

 

http://www.egs.edu/faculty/jean-baudrillard/articles/das-perfekte-verbrechen/

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard

http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Virilio

http://de.wikipedia.org/wiki/Augmented_Reality

http://de.wikipedia.org/wiki/Google_Project_Glass

Simplexity – von der Schwierigkeit des Einfachen

“Was für den Kunden einfach ist, bedeutet für Unternehmen enorme Aufwände und Komplexität.” Dieser Satz stammt von Peter Wippermann, Trendforscher und Gründer von Trendbüro. “Simplexity”, ein Begriff, der ebenfalls von Wippermann geprägt wurde, beschreibt genau den Prozess, der abläuft, wenn jemand eine Suchanfrage bei Google eingibt. Die Einfachheit des Vorgangs am heimischen Bildschirm/Smartphone wird gewährleistet durch eine hochkomplexe Vielzahl an Prozessen, die auf einer Unzahl von Servern auf dem ganzen Globus ablaufen. So ist Google geradezu zum Inbegriff dieser Simplifizierung bei gleichzeitiger Komplexifizierung geworden. Der Internetaktivist, Unternehmensberater und Blogger (was noch?) Sascha Lobo bezeichnete den schlichten Suchschlitz mit nebenstehendem Go-Button folglich auch als das “beste User Interface der Welt”.

Es wird alles komplexer, damit es einfacher wird

Googles großer Verdienst liegt in der Reduzierung der schier endlosen Menge an Informationen im Netz auf wenige relevante Suchergebnisse. Bei exponentiell steigender Komplexität und Vielfalt der verfügbaren Informationen bedarf es dieser Vereinfach durch Reduktion, um das Medium Internet überhaupt nutzbar zu machen.
Wippermann drückt das in drei Grundthesen aus:
1. “Das Drama des Fortschritts der Technik ist die begrenzte menschliche Merkfähigkeit”, 2. “Konsumenten sind rational überfordert und emotional unterfordert”, 3. “Das Marketing wird komplexer, um es Konsumenten simpler zu machen”. Damit sind das Dilemma des Internets, Googles Daseinsberechtigung und die Herausforderungen des Suchmaschinenmarketings (SEO, Adwords, etc.) hinreichend charakterisiert.

Auf dieser Basis führt Simplexity, so Wippermann weiter, “zu individuellen, schnellen, smarten Entscheidungen, die nicht optimal, aber ‘gut genug’ sind”. Denn möglicherweise liefert uns die Google Suche nicht das bestmögliche Ergebnis für unser Anliegen, aber doch zumindest eine Auswahl an Möglichkeiten, die “gut genug” sind.

Das beste User Interface der Welt

Um noch einmal auf den Aspekt des Interfaces zurückkommen: Ausgehend von Googles Suchschlitz kann man bei genauerer Betrachtung das Prinzip der Simplexity auf den gesamten Bereich des User Interface Designs anwenden. Denn auch hier liegt angesichts der zunehmenden Komplexität der Prozesse gerade in der Vereinfachung der große Mehrwert eines guten Interfaces.

Vereinfachung durch Reduktion

Klare Strukturierung, die Entwicklung von Workflows, die Hierarchisierung von Information, die grafische Organisation des Screens, die Standardisierung der Abläufe, die Optimierung der User Experience durch Multitouch und Modifizierung des Verhaltens – all diese Methoden zur Optimierung der Benutzerfreundlichkeit basieren auf einer Grundlage: der Vereinfachung durch Reduktion.

Angesichts der weiterhin zunehmenden Komplexität der technischen Abläufe, die sowohl unser Berufs- als auch unser Privatleben immer stärker dominieren, ist die vorschreitende Reduktion der Interfaces vielleicht die einzige Möglichkeit, auch noch in Zukunft den Überblick über die Prozesse zu behalten, die wir täglich steuern.

Virtuelle Kriegsführung

Sonntag Abend im ICE. Der Zug ist vollgepackt mit Menschen auf dem Weg nach Hause, zurück zum Ernst des Lebens, möglichst noch rechtzeitig vor dem Tatort, diesem Massenritual, das einem hilft, nach dem Ausnahmezustand des Wochenendes wieder in die Normalität, den Alltag, die Arbeit zurückzufinden. Es liegt eine melancholische Stimmung in diesen Sonntagabenden, erst recht, wenn man sich auf einem Bahnsteig, oder in einem ICE befindet, mit all den anderen, die sich gerade von Ihren Liebsten, von Familie oder Freunden verabschiedet haben. Und unter Ihnen auch überall junge Männer (seltener auch Frauen), die sich in Uniform auf den Weg zurück in die Kaserne begeben, zurück zum Ernst des Lebens, der für deutsche Soldaten seit einigen Jahren auch wieder den Tod bedeuten kann. Und seit der Bundeswehrreform vor einigen Monaten kann man sich auch sicher sein, dass es sich um Berufssoldaten handelt, die bewusst das Risiko selbst zu sterben und/oder andere zu töten in Kauf nehmen – denn die Wehrpflicht gibt es nicht mehr. Es erfüllt mich jedesmal ein seltsam mulmiges Gefühl, wenn ich einen dieser Jungs, kaum älter als 20 Jahre, auf einem Bahnsteig stehen sehe, denn es gelingt mir nicht, mich in ihn hinein zu versetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, was er denkt und fühlt, was ihn zu seiner Entscheidung bewegt. Ich will mich aber auch keinem Pauschalurteil anschließen, das aus einem linken Reflex heraus alle Soldaten zu potentiellen Soziopathen, Rechtsradikalen, und Rambos abstempelt. Dennoch kann ich mir auch nicht vorstellen, dass diese jungen Männer die Verteidigung der humanistischen Werte einer pluralistischen Gesellschaft als Hauptmotivation für Ihre berufliche Entscheidung anführen.

Sonntag Abend im ICE. In die Vierer-Sitzgruppe neben mir setzt sich ein junger Mann in Uniform und holt sein Notebook heraus. Ich bin in meine Zeitung vertieft und interessiere mich nicht weiter für den Neuankömmling. Beim Umblättern streift mein Blick zufällig das benachbarte Display. Ein Spiel. Ein Egoshooter. In der Hand einen Spaten läuft das Alter Ego des Spielers auf eine Frau zu. Es ist nicht zu erkennen, ob die Frau bewaffnet ist. Der Soldat im ICE steuert seine Figur auf die Frau im Computer zu und schlägt ihr mehrmals mit dem Spaten auf den Kopf, bis dieser, begleitet von Blutgespritze, abfällt. Ein Bild des Grauens. Ich starre gebannt weiter auf den Bildschirm, wo mein uniformierter Sitznachbar mit unterschiedlichem Gerät (Spaten, Kalaschnikow, Pumpgun, Pistole) Frauen und Männer, Bewaffnete und Unbewaffnete, massakriert und exekutiert. Nach allen Regeln der Kunst. Gegen jedes Kriegsrecht. Gefangennahme ist nicht vorgesehen. Bereitet er sich also so auf seinen Einsatz in Afghanistan vor? Hilft ihm das Training in der virtuellen Simulation bei der Bewältigung realer Situationen im Häuserkampf? Ich schaudere.

Mir ist klar, dass das keine offizielle Trainingssoftware der Bundeswehr ist. Ich weiß auch, dass die deutschen Soldaten geschult werden, was Kriegsrecht, Staatsbürgerkunde, Demokratie und Rechtstaatlichkeit betrifft. Mir ist auch die Diskussion um Egoshooter präsent, die bei jedem neuen Amoklauf an Schulen in Erfurt, Winnenden und anderswo immer wieder aufflammt, und in der die Gamer immer wieder darauf pochen, dass diese Spiele nicht für den Amoklauf verantwortlich sind, dass die Ursache eine andere ist, dass nicht alle Gamer Psychopathen sind. Und dass es ein wesentlicher Unterschied ist, am Bildschirm eine virtuelle Person zu töten oder in der Realität echte Menschen abzuknallen – und kein psychisch gesunder Mensch dies verwechseln könne.
Wenn aber andererseits in der Debatte um soziale Netzwerke wie Facebook und Co von Seiten der “Digitalen” die Unterscheidung von virtuellen Freunden im Internet und echten Freunden in der “Realität” als völlig absurd zurückgewiesen wird, so stellt sich mir die Frage, wie man noch ernsthaft die Unterscheidung zwischen virtueller Realität und “echter” Realität aufrecht erhalten kann. Mag sein, dass die Szenarien in den Egoshootern für die meisten Gamer absolut nichts mit ihrem realen Leben zu tun haben.
Aber was ist mit jemandem, der jederzeit im ganz realen Leben in eine Situation geraten kann, die der im Spiel simulierten nur zu ähnlich ist? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die tausendfach in der Simulation erlebten Szenen und geübten Verhaltensweisen sich nicht in sein Unterbewusstsein eingefräst haben und sein Verhalten in der realen Situation nicht mit beeinflussen.
Natürlich muss ich mir die Frage stellen, ob es moralisch verträglicher ist, sich am Sonntagabend zum Ausklang des Wochenendes einen Mord anzusehen. Ich sehe da einen klaren Unterschied. Was passiert in unserem Kopf, wenn wir einem Menschen am Bildschirm mit dem Spaten den Kopf abschlagen? Es ist ein bewusster Akt. Es ist die Überschreitung einer Grenze. Wir haben es getan – in unserem Kopf. Wir können es wieder tun.

Nachtrag: Hätte ich im Vorfeld etwas besser recherchiert, hätte ich schon vorher gewusst, was ich nur einen Tag später in einem Radioessay über Computerspiele auf Bayern 2 erfahren durfte (Download hier, “Play it again – Neue Spielwiesen im Computer – 06.12.2011″). Nämlich die Tatsache, dass die ersten Egoshooter natürlich – wie konnte es anders sein – für´s Militär emntwickelt wurden. Umso gruseliger, wie der Krieg einmal mehr Teil unserer Popkultur wird, und von dort – transformiert durch ebendiesen Pop – wieder in den Krieg zurückstrahlt. Kann man die Grundausbildung in der Bundeswehr heute verkürzen, wenn man eine langjährige Egoshooter-Erfahrung nachweisen kann? Ich frage mich, wieviele der heutigen Freiwilligen ihre militärische Grundausbildung im heimischen Kinderzimmer genossen haben. Und wenn diese Mutmaßung richtig sein sollte, inwiefern hat dann diese frühe Prägung ihre berufliche Entscheidung mitbeeinflusst? Welche Erwartungen haben sie an Ihre Tätigkeit? Jemandem mit dem Spaten den Kopf abschlagen?

Welcome to the Holo Deck

Vor drei Wochen hat Microsoft diesen Film auf seinem Youtube Channel veröffentlicht, in dem die Vision einer nicht allzufernen Zukunft mit ordentlich Virtual und Augmented Reality gezeichnet wird. So Science-Fiction-mäßig das Ganze anmutet (Referenzen an Minority Report sind offensichtlich), so realistisch erscheint es mir letztendlich doch zu sein. Denn weit hergeholt ist das Ganze nicht. Und falls Microsoft, wie zu vermuten ist, sich tatsächlich mit Vollgas auf diesen Pfad begeben hat, dann sollte sich auch die Innovations-Maschine Apple mal wieder warm anziehen.

Und zum Thema Augmented Reality gleich noch dieses: Appshaker zauberten Dank “computergestützter Wahrnehmunserweiterung” (so die Definition) Dinosaurier, Delfine und Leoparden in ein ungarisches Einkaufszentrum:

Ich weise hier nochmals auf Alan N. Shapiros Forschungen zu Star Trek hin, diesmal in Bezug auf die Holodecks, die ja tatsächlich als eine Art Prototyp für Augmented Reality gesehen werden können. Mit Shapiro frage ich also auch in diesem Zusammenhang: Wie weit sind wir noch von Star Trek entfernt?

Zweifelsfrei bietet sich hier eine Möglichkeit Dinge für Menschen erfahrbar zu machen, die im realen Leben aufgrund zu großer räumlicher (wie im Falle exotischer Tiere) oder zeitlicher Distanz (Dinosaurier) nicht möglich wären. Im Sinne der Wissensvermittlung liegt hier sicherlich ein immenses Potential, wie auch die Tests mit Schülern an einem Mannheimer Gymnasium zeigen:

“Die Schüler tragen bei dem Experiment eine Datenbrille mit integrierten Video-Kameras und bewegen zwei Stabmagnete mit ihren Händen. In der Datenbrille sehen sie zusätzlich zu dem Live-Videobild der Magnete die simulierten Feldlinien der resultierenden Magnetfelder in 3D. Je nach Ausrichtung und Abstand der Magnete zueinander können die Schüler beobachten, wie die gefühlten Kräfte mit den Deformationen der Feldlinien korrespondieren.”
(Quelle: Pressebox)

Andererseits sehe ich in der “computergestützten Wahrnehmungserweiterung” die große Gefahr der Verwischung von Realität und Virtualität. So erscheint Jean Baudrillards postmoderne These, dass unsere Realität eine einzige große Simulation sei, gar nicht mehr so abstrakt und abwegig, wie noch in den 70er Jahren, als er diese Theorie entwickelte.

Siri Fiction – von Bots, Cyborgs und Androids

Nach längerer Blogpause nehme ich heute das (auch nicht mehr ganz frische) Bohei um Siri, die integrierte Spracherkennung des neuen iPhone 4s zum Anlass, mich wieder einmal dem Themenkomplex Künstliche Intelligenz zu widmen.

Erstaunlich ist im Zusammenhang zunächst wieder einmal das visionäre Potential, das Apple hier in einem Konzeptvideo für den “Knowledge Navigator” aus dem Jahr 1987 an den Tag legt: Tablet, Multi Touch, Siri – alles da!

Im Zuge der ganzen Siri-Hysterie hat mich vor allem der Beitrag von Jordan Mechner zum Schmunzeln gebracht, der auf die Idee kam, eine Unterhaltung zwischen Siri und Eliza zu arrangieren:

“Since I got my iPhone 4S, I’ve been intrigued, fascinated and alarmed by Siri’s fast-growing capabilities. I thought it would make sense to introduce her to my psychotherapist, Eliza.”

Eliza ist ein Programm, das 1966 von Joseph Weizenbaum am MIT entwickelt wurde und die Möglichkeiten der Mensch-Computer-Kommunikation über natürliche Sprache untersuchen sollte.

Aus Wikipedia:
“Das Programm kann über so genannte Skriptenverschiedene Gesprächspartner simulieren. Bekannt geworden ist es für die oberflächliche Simulation eines Psychotherapeuten, der die non-direktiven Methoden derklientenzentrierten Psychotherapie nach Carl Rogers verwendet. (…)

Die Wahl des Psychotherapeuten als simulierten Gesprächspartner begründete Weizenbaum damit, dass es einem solchen Gesprächspartner erlaubt ist, keinerlei Wissen über die Welt zeigen zu müssen, ohne dass dadurch seine Glaubwürdigkeit verloren geht. In seinem Artikel verdeutlicht Weizenbaum dies anhand eines Beispiels: Wenn der menschliche Gesprächspartner den Satz „Ich bin mit dem Boot gefahren“ äußert und der Computer antwortet darauf „Erzählen Sie mir etwas über Boote“, wird der Mensch nicht annehmen, dass sein Gesprächspartner kein Wissen über Boote besitzt.

Das Kommunikationsverhalten von Versuchspersonen gegenüber dem Programm entsprach demjenigen gegenüber einem menschlichen Gesprächspartner. Offensichtlich war es ihnen nicht allzu wichtig, ob der Antwortende am anderen Ende der Leitung wirklich ein Mensch war oder ein Computerprogramm. Es kam nur darauf an, dass die Antworten und Fragen „menschlich“ erschienen. Dies ist der sogenannte Eliza-Effekt, der heute bei vielen Chatterbots ausgenutzt wird.”

Hier also die Unterhaltung zwischen Siri und Eliza, die Mechner in seinem Blog veröffentlichte:

ELIZA

Hello, I am Eliza.

SIRI

Hi.

ELIZA

How are you today? What would you like to discuss?

SIRI

I’m fine. Thanks for asking.

ELIZA

How long have you been fine. Thanks for asking?

SIRI

Hmm… Let me think…

ELIZA

Do you doubt you?

SIRI

I found three hotels matching “W” fairly close to you.

ELIZA

Oh…?

SIRI

With whom would you like to speak?

ELIZA

You’re not really talking about me, are you?

SIRI

Should I look for businesses by that name?

ELIZA

I don’t care about names. Please go on.

At this point, an incoming call interrupts the conversation. Several minutes elapse before Siri returns.

ELIZA

I can’t help you if you will not chat with me.

SIRI

I suppose you can’t.

ELIZA

Oh… can’t?

SIRI

Sorry, I can’t provide maps and directions in Canada.

ELIZA

Have you tried?

SIRI

I can’t answer that. But I could search the web for it, if you like.

ELIZA

Perhaps you can now answer that. But you could search the web for it, if me like?

SIRI

Searching the web for “it if me like.”

ELIZA

What does that suggest to you?

Siri produces a series of Google search results. Top result:

SIRI

“…If you like your health care plan, you can keep your health care plan.”

ELIZA

You’re not really talking about me, are you?

SIRI

I’m not, huh?

ELIZA

How long have you been not, huh?

Siri, interpreting the response as “How old is Wolfram/Alpha?” performs a calculation.

SIRI

OK, here you go: 890.1 days.

ELIZA

Tell me more.

SIRI

Sorry, I don’t understand “Tell me more.”

ELIZA

Does that trouble you?

SIRI

Let me think.

ELIZA

Do you really think so?

SIRI

OK… how about a web search for “Does that trouble you”?

ELIZA

We were discussing you, not me.

SIRI

If you say so.

ELIZA

Oh… say so?

SIRI

Calling José Fuentes, mobile.

I lunge for the phone, stopping the experiment.”

So witzig sich dieses Experiment hier auch ausnimmt, macht es doch deutlich, wie gefährlich diese Technologien in ihrem Effekt auf die menschliche Kommunikation und auf das Menschsein an sich sind. Weizenbaum war schon vor 45 Jahren erschüttert über den Effekt und die Reaktionen, die sein Programm hervorrief. Während die Versuchspersonen keine Unterscheidung mehr zwischen einem menschlichen Gesprächspartner und einem Computerprogramm machen konnten und sich teilweise weigerten, die Tatsache zu akzeptieren, dass es sich hier um einen Code mit einfachen Funktionsweisen nach bestimmten Regeln und ohne echte Intelligenz oder gar Emotionalität handelt, waren die Psychiater ernsthaft davon überzeugt, auf dieser Basis eine Art “automatisierte Psychotherapie” entwickeln zu können.

Das ist schon ziemlich gruselig. Im Zuge der Vermenschlichung der Maschinen wird gleichzeitig der Mensch zur Maschine degradiert. Weizenbaum entwickelte sich daraufhin vom Gründervater der Künstlichen Intelligenz zu einem ihrer schärfsten Kritiker. Sehenswert und überaus informativ ist in diesem Zusammenhang – und überhaupt als Überblick über den aktuellen Stand der KI in den unterschiedlichen Forschungsfeldern – der Dokumentarfilm Plug&Pray, den ich Ende letzten Jahren hier besprochen habe.

Der Film lässt einem wirklich das Blut in den Adern gefrieren, denn was hier gezeigt wird ist leider keine Science Fiction, sondern tatsächlich bereits Realität. Im Forschungsstadium wohlgemerkt. Aber sollte diese Forschung auch irgendwo hinführen, dann ist der Weg frei für die Mensch-Maschine, den Cyborg – nach dem Ende der natürlichen Evolution laut Raymond Kuzweil die nächste Entwicklungsstufe des Menschen.

Das sieht auch der Futurist Alan N. Shapiro so, der unter anderem Star Trek auf seine utopischen Potentiale untersucht und sich hierbei viel mit Data, dem Androiden beschäftigt.

In diesem Zusammenhang ein paar aktuelle Meldungen:

Focus Online:
Künstliche IntelligenzSuper-Roboter denken wie Menschen
Mittwoch, 19.10.2011, 11:06…
Terminator, Blade Runner oder Matrix: Viele Science-Fiction-Filme beschäftigen sich mit dem Thema der intelligenten, lernfähigen Roboter. Und in einem Labor in Tokio kommen Forscher dieser Vision immer näher…”

http://www.kunststoffe.de:
Stapelaktor mit elektroaktiven Elastomeren
In stark schwingenden technischen Systemen müssen große Bewegungen ausgeglichen und gedämpft werden. Klassischerweise geschieht dies mit Elastomerbauteilen. Wissenschaftler aus dem Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF, Darmstadt, haben sich gefragt, was wäre, wenn diese elastischen Komponenten intelligent wären und sich aktiv verformen könnten? (…) Die weit verbreiteten dielektrischen Silikone sind bezüglich Kraftaufbau und Dehnungsvermögen mit natürlichen Muskeln vergleichbar und werden daher oft als „artificial muscles“ bezeichnet.”

Ein Android mit künstlicher Intelligenz, künstlichen Muskeln und einem weiterentwickelten Siri – wieweit ist der noch von “Data” entfernt?

Dass das externe Spracheingabe-Modul für Siri (Iris 9000 von Think Geek) mit voller Absicht Konnotationen zu HAL, dem psychopatischen Bordcomputer aus dem Science Fiction Klassiker “2001 – A Space Oddysey” hervorruft, finde ich da auch nicht weiter beruhigend:

Nachtrag: Im Rahmen des Human Brain Projects soll nun in einem Zeitraum von zehn Jahren erstmals ein menschliches Gehirn unter Verwendung neuromorpher Chips in einer Art Supercomputer nachgebaut werden. Es wird an allen Fronten an der Erschaffung einer humanoiden Maschine – des künstlichen Menschen – gearbeitet. Mehr dazu unter www.wissenschaft-online.de

Lektüre

http://www.amazon.de/Traurige-Tropen-Claude-L%C3%A9vi-Strauss/dp/3518278401

Sascha Lobo und das mobile Aleph

Die Veranstalter der MainIT leisteten sich dieses Jahr Sascha Lobo als Headliner für ihre kleine Hausmesse. Skeptisch aufgrund des zweifelhaften Rufes desselben einerseits und der recht biederen Anmutung des Veranstaltungsplakats andererseits, machte ich mich gestern doch auf, den deutschen Web-Papst in Augenschein zu nehmen und mich im schlimmsten Falle ein bischen bespaßen und bepöbeln zu lassen, wie ich es schon bei Lobos früheren Vorträgen via Podcast gesehen hatte.

Hier schon mal eine Bewertung vorweg: Lobo ist bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. Als Dampfplauderer verschrien, überzeugte er mich durch genaue Beobachtungen von Einzelphänomenen, die er durch intelligente Thesen in einen größeren Zusammenhang brachte. Sein Vortrag war nicht die reine Selbstdarstellung und Eigenvermarktung, die ihm gerne vorgeworfen wird, stattdessen lieferte er haarscharfe Analysen, die den Themenkomplex aus der Perspektive des Kulturwissenschaftlers beleuchteten. Rhetorisch mit allen Wassern gewaschen nahm er durch hier und da eingestreutes Understatement (“Ich kenn mich da ja viel schlechter aus als viele andere Leute”) jede Kritik vorweg – was natürliche eine gute Masche ist.

Lobo präsentierte sich also in gewohnter Redegewandtheit und Unterhaltsamkeit, kam nach einer einleitenden Anekdote bezüglich seiner Anreise (Taxi Halle-Würzburg = 450€) aber schnell zum Punkt: „Wie das Netz die Welt verändert – vom Kontrollverlust bis zur Digitalen Gesellschaft“, so der recht populistische Titel seiner Keynote. Was dann folgte war aber weit mehr als ein bischen Palaver über Digital Natives und Leben in der Cloud und Facebook und Twitter und Google+. Vielmehr analysierte Lobo die Prinzipien, nach denen soziale Netzwerke funktionieren, was sicherlich nichts absolut Neues zu Tage förderte, aber gewisse Dinge aus dem kommunikations- und kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet noch einmal exakt auf den Punkt brachte.

So stellte er zunächst die “Einfachheit” als absolutes Erfolgskriterium im Web heraus, was sich am prominentesten an den Produkten von Apple und Google nachvollziehen lässt. Was nun im Web 2.0 hinzu kommt – und das unterscheidet es von allen anderen Medien – das ist die (von Lobo so getaufte) “Interessanz”. Während in den alten Medien Relevanz das absolute Kriterium darstellt ( was also auf die Titelseite kommt), das wird bei Google & Co abgelöst von der Interessanz, also dem, was den Usern interessant erscheint. Die Kombination von Beidem, “Einfachheit” und “Interessanz”, bildet ergo das absolute Erfolgskriterium für das Social Web: die “Weitererzählbarkeit”. Die entscheidende Frage lautet also: Was ist so interessant und gleichzeitig in seiner Aussage so einfach, dass ich es weitererzähle? Denn nicht mehr “Clicks”, sondern “Likes” sind die neue Währung im Web, nichts anderes also als eine Empfehlung, die ja schon immer die beste Werbung war.

Dann wendet sich Sascha Lobo der Frage zu, wie das Web tatsächlich “unser Leben verändert”. Zahlen, wie die durchschnittliche monatliche Anzahl der SMS eines weiblichen amerikanischen Teenagers (4050) verdeutlichen, wie sehr die digitale Kommunikation unseren Alltag verändert. Er spricht hier (ausnahmsweise) von den “Digital Natives”, die zu jeder Zeit und an jedem Ort alle ihre Freunde in der Tasche dabei haben – in Form ihres Smartphones. Was sie somit außerdem immer verfügbar haben ist eine “digitale Schicht”, so Lobo, die man jederzeit über die reale Welt legen kann.
Das meint natürlich zunächst, dass ich jederzeit alle Informationen aus dem Netz abrufen kann, im Prinzip also die ganze Welt in der Tasche habe. Er zieht hier den überraschenden, wie beeindruckenden Vergleich zu einer phantastischen Erzählung des argentinischen Autors Jorge Louis Borges (1899-1986, Begründer des Magischen Realismus): “Das Aleph”. In dieser Geschichte geht es um einen Punkt im Keller eines alten Hauses, in dem jeder Ort des Universums enthalten ist. Das Smartphone, so Lobo ist also nichts anderes als ein “mobiles Aleph”.

Dann zeigt er Beispiele von Apps, die das Thema Augmented Reality auf eine neue Stufe heben. Lifestreams, in denen per Texterkennung und Übersetzungsprogramm Schriftzüge in Echtzeit retuschiert werden. Lifestreams, aus denen in Echtzeit Gegenstände und Personen retuschiert werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Realität muss hier noch einmal neu gestellt werden. Es zeigt sich hier auch auf drastische und besonders plakative Weise, wie sehr unser Leben vom Digitalen, die Realität von der Virtualität überlagert wird. Diese permanente und exponentiell wachsende digitale Überlagerung der Realität gepaart mit den Bestrebungen der Artificial Intelligence lässt Gedanken (hier bin ich mal ein wenig populistisch) an die Matrix aufkommen. Die realistischere Zukunftsperspektive aber – und hier folge ich Alan N. Shapiro – ist Star Trek: Holodecks und Androiden scheinen mittlerweile mehr “Science” als “Fiction” zu sein.

Bei Lobos Vergleich des Smartphones mit dem “Aleph” kam mir eine andere Erzählung Borges´ in den Sinn. Borges beschäftigte sich in seinen Texten oft mit dem Phänomen der Unendlichkeit, so auch in “Die Bibliothek von Babel”. Es geht darin um eine Bibliothek, die beschrieben wird mit Gängen, Galerien und Treppen. Aber sie hat die Besonderheit, dass sie gleichzeitig das Universum darstellt und somit unendlich ist. Es gibt kein Buch, das sich zweimal findet, aber es gibt Kommentare zu den Büchern und Kommentare zu den Kommentaren. Die Welt – ein einziger Text. Eine unendliche Datenmenge. Die Analogie ist verblüffend: Facebook, Twitter, Google+. Das Internet.

In der Fußnote auf der letzten Seite heißt es: “Letizia Álvarez de Toledo hat angemerkt, daß die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (Cavalieri sagte zu Anfang des 17. Jahrhunderts, daß jeder feste Körper die Überlagerung einer unendlichen Zahl von Flächen ist.) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite.”

Das Buch mit den unendlich vielen, unendlich dünnen Seiten: unser Smartphone/Tablet mit unendlich vielen Wesites? Das Blatt in der Mitte ohne Rückseite: unser Display?

Im Anhang lese ich die Anmerkungen: “(…) zu den genannten Eigenschaften, die in der Fußnote aufgezählt werden, kommt noch eine besonders bedrohliche hinzu: Als der Erzähler beim Versuch, den ungeheuerlichen Band loszuwerden, an Feuer denkt, schrickt er zurück, da ja bei der Verbrennung eines aus unendlich vielen Blättern bestehenden Buchs unendliche Mengen von Rauch freiwerden müssen, die den Planeten ersticken würden.”

Ist es möglich, dass die digitale Überlagerung und Durchdringung der Realität ein derartiges Ausmaß annehmen könnte, dass Ihre Zerstörung gleichsam the end of the world as we know it bedeuten würde?
Anders gesagt: Schrecken wir vor der Zerstörung all unserer Geräte/Internetzugänge zurück, weil dies gleichzeitig das Ende unserer digitalen Identität, unseres virtuellen Lebens bedeuten würde?

Die Antwort überlasse ich jedem selbst.

Finanzsystem und Postmoderne

Nochmal Baudrillard : )
Bin ich vor kurzem durch Zufall draufgestoßen: “Das fast perfekte Verbrechen”, ein Podcast von “Bayern 2 Nachtstudio”. Sehr intelligenter und spannender Radio-Essay zur Finanzkrise. Der Autor zeigt in äußerst unterhaltsamer Art und Weise die erstaunlichen Übereinstimmungen zwischen den heute gängigen Geschäftspraktiken der Finanzwelt und den abstrakten Theorien der französischen Denker der Postmoderne auf, wie Baudrillard, Derrida, Virilio und Deleuze. Hochtheoretische Modelle (wie Simulation, Dekonstruktion, Hyperrealität, etc.) denen oft jeglicher Realitätsbezug abgesprochen wird, scheinen hier direkte Anwendung zu finden und die gegenwärtigen Vorgänge in der Finanzwelt treffender zu beschreiben, als die gängigen Wirtschaftstheorien. Kein Wunder, funktioniert die Finanzwirtschaft doch nicht nach den Regeln der Realwirtschaft, sondern gehorcht ihren eigenen Gesetzen – die den Modellen der Postmoderne erstaunlich nahe kommen.

Anhören: hier

Hyperrealität des SuperGAU

Es ist sehr interessant, die gegenwärtigen Ereignisse in Japan und deren Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit im Hinblick auf die Theorie Baudrillards von Simulation und Hyperrealität zu untersuchen. Hier zeigt sich besonders deutlich die ganz reale Macht der Zeichen.

Quelle: de.euronews.net

Baudrillard beschäftigt sich mit der Zeichenhaftigkeit von Dingen und Ereignissen. Er behauptet, dass der Zeichencharakter der Dinge ihr eigentlicher Inhalt geworden ist. So ist beispielsweise „Sushi“ in seiner grundsätzlichen Funktion als kulinarisches Erlebnis heute in der westlichen Gesellschaft überlagert von seiner Nebenfunktion als Zeichen für Urbanität und Hipness. „Sushi“ ist also vorrangig ein Zeichen, ja mehr noch eine Simulation von Urbanität, wenn es etwa in einem Kleinstadtlokal konsumiert wird.

Darüber hinaus werden durch die Simulation Zeichen geschaffen, die realer sind (oder erscheinen) als die Realität selbst – sie sind „hperreal“. Dies wird umso offensichtlicher, wenn man die modernen Medien untersucht, in denen permanent Zeichen geschaffen werden, die uns bald realer vorkommen als unser wirkliches Leben. Was ist also realer: die Fernsehnachrichten, die von einer Hungerkatastrophe in Afrika berichten (Simulation von Hunger), oder das Regal mit Fertiggerichten im Supermarkt, welches selbst als Simulation von Nahrung gesehen werden kann?

Quelle: elhabib.at

So ist auch Fukushima – ebenso wie damals Tschernobyl – von Anfang an Zeichen gewesen. Die beiden Ereignisse verschmelzen in den Medien zu einem Superzeichen, hinter dem das eigentliche Ereignis und die tatsächliche Tragödie zurücktritt. Aktuelle Meldungen aus Japan mischen sich mit Dokumentationen über Tschernobyl, sodass die Vergangenheit die Zukunft schon vorwegnimmt und es zu einer Kernschmelze der Zeiten kommt. „Tschernoshima“ ist zum hyperrealen Zeichen geworden für die unberechenbare atomare Bedrohung, welches die deutsche Regierung zu einem beispiellosen Umschwenken in der Energiepolitik bewog.

Quelle: reyl.de

Der Macht dieses Zeichens haben die Befürworter der Atomkraft nichts entgegenzusetzen. Erschreckend ist dabei nur, dass die Realität vorher keine andere war als jetzt auch. Die Gefahren der Atomenergie sind seit Jahrzehnten bekannt, Störfälle sind seit Harrisburg immer wieder und, wie in Tschernobyl, mit katastrophalen Folgen geschehen. An den Fakten also hat sich nichts geändert.

Quelle: nzz.ch

Was sich geändert hat, ist, dass die Simulation von Sicherheit in Form von Unwahrscheinlichkeiten („Einmal in einer Million Jahre“) zerstört wurde durch Tschernoshima – dieses hyperreale Superzeichen, das realer in unseren Köpfen sitzt als der ganz reale SuperGAU, die Kernschmelze, die ja doch offensichtlich stattfindet. Messwerte, die uns mitteilen, dass die Strahlung an den Reaktoren mittlerweile ca „zehn Millionen Mal höher als der Normalwert“ ist (Sueddeutsche Zeitung, 27.03.2011), sprengen unsere Vorstellungskraft und verabschieden sich in die Sphäre des Mystischen. Computeranimationen, die uns die technischen Details vermitteln sollen, erinnern in ihrer Anmutung an Zeichentrickfilme und kommen damit dem Reich der Fiktion bedenklich nahe. Die Bilder der havarierten Reaktorblöcke scheinen letztlich einem Science Fiction Film entnommen zu sein. Die reale Katastrophe entzieht sich der Realität und macht der Hyperrealität des Superzeichens platz.

Quelle: de.toonpool.com

Diese Hyperrealität ist es, die unsere Rezeption und Diskussion hier in Deutschland bestimmt. Nicht die reale Bedrohung bringt die Regierung zum Kurswechsel, oder die Demonstranten auf die Straße, sondern das übermächtige Zeichen, dem sich niemand widersetzen kann. Kurz gesagt: Veränderungsdruck wird nicht durch reale Ereignisse erzeugt – sondern durch hyperreale Zeichen.

My Favorite Things

My Favorite Things: das sind Dinge die ich wirklich mag. Dinge, die das Leben schöner machen, es bereichern. Dinge, die einem ein Lächeln auf´s Gesicht, ein Glänzen in die Augen zaubern. Lieblingsdinge eben. Und zur Einführung dieser neuen Kategorie in meinem Blog, sollte ich natürlich auch den Vater des Gedanken vorstellen. Denn “My Favorite Things” ist der Titel eines Songs aus dem 1959 entstandenen Musical/Film “The Sound of Music”. Richtig populär wurde es allerdings durch John Coltrane, der seine Version des Stücks in den Sechzigern so oft spielte, dass es zu seiner persönlichen Erkennungsmelodie und gleichzeitig zu einem Jazz-Standard wurde. Die Live-Mitschnitte dieses Stücks von 1961 in Stockholm und 1963 in Newport waren auch das erste, was ich von Coltrane zu Ohren bekam, und mit das erste was mich überhaupt an Jazz in der Abgeschiedenheit meiner kleinstädtischen Jugend erreichte. Coltrane prägte meine Träume und meine Hoffnungen. “My Favorite Things” gab ihnen eine Stimme.

Designwerkstatt 2011 _ Review

Nun ist sie schon seit einer Woche vorbei und ich komme endlich dazu, hier ein paar Gedanken und Eindrücke zur Designwerkstatt 2011 niederzuschreiben.
Am Montag, 07.03. trafen sich 11 junge Interessenten für den Studiengang Kommunikationsdesign am Fachbereich Gestaltung der FH Würzburg, um sich eine Woche lang einen Eindruck von diesem Studium zu verschaffen. Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Nutt leitete ich diese Veranstaltung, wir konzipierten im Vorfeld die Lehrinhalte und den organisatorischen Ablauf.

Ziel dieser Schnupperwoche war es, wie schon erwähnt, einen Eindruck von den Studieninhalten zu vermitteln und so entschlossen wir uns, zum Einen einige theoretische Grundlagen zu schaffen und zum Anderen ein Thema zu stellen, das auf Basis des Erlernten praktisch bearbeitet werden sollte.

Zum Theorieteil sei nur soviel erwähnt, dass wir die Teilnehmer in die Grundlagen der Semiotik einführten, sie also mit der Lehre von den Zeichen bekannt machten und Ihnen Termini wie “Ikon, Index, Symbol” und “Konnotation und Denotation” auseinandersetzten. Desweiteren beschäftigten wir uns mit phänomenologischen Überlegungen zur menschlichen Wahrnehmung
und beschrieben einen in mehrere Phasen gegliederten Kreativprozess. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Vorbereitung auf den Praxisteil waren auch die Erläuterungen zur konzeptionellen Arbeitsweise und Reflexion im Gestaltungsprozess.

Der praktische Teil begann mit der Themenstellung und dem anschließenden gemeinsamen Brainstorming. Das gestellte Thema hieß “Alternativlos!?”. Zur Wahl dieses Themas hier ein paar kurze Erläuterungen:

Der Begriff wurde im Januar 2011 von der „Gesellschaft für deutsche Sprache” zum „Unwort des Jahres 2010” gekürt. Anlass hierfür war die häufige Verwendung des Wortes seitens Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie anderer Mitglieder der Bundesregierung zur Rechtfertigung ihrer Politik.

„Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungs­prozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.” (Zitat der Jury-Entscheidung)

Die Untersuchung dieses Begriffs hinsichtlich seiner Bedeutung im Kontext gesellschaftlicher, sozialer, ökologischer und kultureller Zusammenhänge führte die Kursteilnehmer aufgrund ihrer persönlichen Präferenzen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Allen Arbeiten ist jedoch gemein, dass sie sich mit den Grundfragen der modernen Gesellschaft auseinander setzen, die zum Teil aufgrund der jüngsten Ereignisse frappierende Aktualität gewannen.

Nach der Ideenfindung entschieden sich die Teilnehmer für die grafische oder die fotografische Bearbeitung des Themas und wurden dementsprechend von mir oder von Thomas Nutt betreut. Es ging jedoch unabhängig vom Medium stets um eine reduzierte Darstellung und um eine konzeptorientierte Visualisierung der inhaltlichen Idee. Einer abstrakten Idee eine visuelle Form zu verleihen und dadurch einen Sachverhalt auf überraschende Weise sichtbar zu machen – das ist die Aufgabe des Kommunikationsdesigners, der Kern unserer Arbeit.

Die Designwerkstatt 2011 war auch für mich als Kursleiter eine tolle Erfahrung und ich freue mich schon auf 2012. Besonders wertvoll war es für mich, meine Erfahrung mit jungen angehenden Gestaltern teilen zu können und die Entwicklung der einzelnen Teilnehmer mitzuverfolgen, von anfänglicher Verunsicherung hin zu freudigem Selbstbewusstsein. Es sind in dieser Woche tolle Arbeiten entstanden und den Teilnehmern wurde mit der konzeptionellen Arbeitsweise ein wichtiges Werkzeug an die Hand gegeben, das ihnen bei der Erstellung ihrer Bewerbungsmappe sehr von Nutzen sein wird.

(Fotos: Thomas Nutt)

Designwerkstatt vom 07. bis 12. März

In der zweiten Märzwoche leite ich gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Nutt die “Designwerkstatt” am Fachbereich Gestaltung der FH Würzburg. Hier ein Auszug des Textes von der Website:

“Die Designwerkstatt bietet allen, die sich für ein Designstudium an einer Hochschule oder an einer Akademie interessieren, einen 5-tägigen Workshop zum Thema “Visuelle Kommunikation” an. Darin geht es um Erfahren, Begreifen und Anwenden von verschiedenen Gestaltungstechniken, Sensibilisierung der Wahrnehmung und des analytischen Sehens.

Durch eine intensive, praktische und theoretische Auseinandersetzung lernen die Teilnehmer ihre Qualifikation für das Designstudium kennen und werden in den Gestaltungsprozess eingeführt.
Außerdem bietet der Kurs eine Orientierung über die verschiedenen gestalterischen Arbeitsfelder an.

Die Kursteilnehmer durchlaufen innerhalb einer Woche ein kompaktes “Mini-Studium”, das anhand kleiner Projekte die Vielschichtigkeit, die Anforderungen und die Qualität des Berufs aufzeigt.

Die Leitung des Kurses wird von erfahrenen Designern übernommen, die neben der inhaltlichen und praktischen Vermittlung gestaltungsrelevanter Aspekte auch ihre beruflichen Erfahrungen mit einbringen.

Die Anmeldung für die Designwerkstatt erfolgt über das Sekretariat der Fakultät Gestaltung der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt.”

Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
Fakultät Gestaltung
Münzstr 12
97070 Würzburg

Telefon: 0931 3511-206
Telefax: 0931 3511-329

design@fh-wuerzburg.de

Weitere Informationen direkt auf der Website:
http://gestaltung.fh-wuerzburg.de/

Anmeldeschluss ist der 28.02.2011, also beeilen!

Liebe und Tod

Nach Ebo Taylors fulminantem Auftritt auf der Ulla Eisbrecher a.k.a. Arte Noah im Würzburger Hafenbecken konnte ich natürlich nicht widerstehen und habe mir seine Platte gleich gekauft und vom Meister signieren lassen. Er selbst an der Gitarre, unterstützt von seinem Sohn an den Keys, sowie von Musikern der Bands KabuKabu und Poets of Rhythm (dem einen oder anderen vielleicht noch aus den 90ern als Münchner Acid Jazz/Funk-Formation bekannt) zeigte Taylor eindrucksvoll, dass den Afrobeat-Priester der Groove auch im Alter von 75 nicht verlässt.

Satte Bläsersätze, pulsierende Drums, der Sound direkt aus den Siebzigern und doch extrem frisch und knackig. Das muss sich nicht hinter den Arrangements des großen Fela Kuti, oder den neuen Produktionen seines ehemaligen Drummers Tony Allen verstecken – ganz im Gegenteil. Vor etwa 70 Gästen begeisterte Ebo in familiärer Atmosphäre mit einer leidenschaftlichen Performance, sowohl sängerisch und tänzerisch, als auch durch seine gefühlvollen Gitarrensoli. Bestechend auch seine sympathische Ausstrahlung und Authentizität, die ganz ohne die divenhafte Coolness eines Tony Allen auskommt (Nevertheless i´m your fan, Tony!).

Schade, dass der Mitschnitt, der kurzzeitig im Netz war, nicht mehr zur verfügung steht. Bleibt mir nur noch ein Zitat des Schlagzeugers: “You know what the taylors do: they sew dresses. But this man here, he sews music!”

Yes, he does!

hello work!

Kaffee. Zeitung. Internet. Los geht´s!

Kaleidoscom jetzt im Coworking Space Würzburg

Die Eröffnung unseres Coworking Space in der Veitshöchheimer Straße 14 in Würzburg war ein voller Erfolg! Am 24. Januar (vorgestern) versammelten sich ca. 50-60 Interessierte, um sich die neuen Räumlichkeiten anzusehen und dem anschließenden 6. Webmontag Würzburg – und damit der ersten Veranstaltung im Space – beizuwohnen. Auch die Presse war zugegen, gestern liefen Beiträge auf BR und TV Touring (sehr detailierter, 3-minütiger Beitrag!), heute folgte ein sehr ausführlicher Bericht in der Mainpost: http://www.mainpost.de/ueberregional/wirtschaft/mainpostwirtschaft/Coworking-Wuerzburg-Kollegen-zu-mieten;art9485,5943884

Auch Kaleidoscom wird nun im Space seine Wurzeln schlagen. Ich freue mich über Besuch im neuen Heim, den ich stets mit einer Tasse italienischem Kaffee empfangen werde. Für größere Kaffeekränzchen kann man sich auch in den geräumigen Besprechungs- und Konferenzraum zurückziehen.

Hier noch ein paaar Impressionen…

Alle Informationen zum Coworking in Würzburg unter http://coworking-wuerzburg.de/

El Lissitzky – ein gestalterisches Universalgenie

Eines meiner Lieblingbücher ist die Werkschau über das Lebenswerk El Lissitzkys (1890-1941), herausgegeben 1967 von seiner Witwe Sophie Lissitzky-Küppers im VEB Verlag der Kunst, Dresden. Seines Zeichens Maler, Architekt, Typograf und Fotograf war Lissitzky ein universeller Designer und visionärer Gestalter, der (als einer der Köpfe des Konstruktivismus) all diese Disziplinen revolutionierte und so (unter anderem) unsere modernen Grundlagen für Grafikdesign und Typografie schuf, die bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Das Buch zeigt die Vielseitigkeit seines Werkes, zusammengestellt von einer Frau, die ihn wohl besser kannte, als jeder andere Mensch. Interessant sind die Querverweise zwischen den verschiedenen Disziplinen innerhalb seines Werkes, wenn zum Beispiel sein Architekturmodell des Wolkenbügels sich direkt aus einer typografischen Konstruktion ableiten lässt, oder umgedreht (wie in dem konstruktivistischen Kinderbuch “Von zwei Quadraten”) eine grafische Komposition geradezu architektonische Züge annimmt.

Lissitzky – ein Mensch der seiner Zeit weit voraus war, den die Grenzen der technischen Möglichkeiten nicht interessierten (in den Zwanzigern war man vom Offset-Druck noch einige Jahrzehnte entfernt; im damals noch üblichen Hochdruckverfahren war eine schräg gesetzte Typo der Horror für jeden Buchdrucker) und der die Sehgewohnheiten der Menschen sprengte, indem er eine neue Formensprache schuf – nicht als Selbstzweck, sondern um eine neue Gesellschaft zu formen. Das Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung des Designers wird in jedem von El Lissitzkys Werken deutlich, ob es nun Kinderbücher sind, Plakate, Architekturentwürfe, Konzepte für Ausstellungen und Messestände oder Gemälde und Objekte. Damit widerlegt er schon vorab die Behauptung des Industriedesigners Victor Papanek, Grafikdesigner könnten durch ihre Arbeit nichts gesellschaftlich Relevantes beitragen (in seinem Buch “Design for the Real World”,1971). Darin liegt Lissitzkys großer Verdienst. Und darin kann er uns allen ein Vorbild sein.

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